Sternenaugen
Frühlingsluft vermischt sich mit dem Dunst des Raumes. Ich bin gerade aus der Dusche gestiegen, klitschnass und struppig. Da klingelt es. Wer kann das denn sein?
"Jonas!", rufe ich aus dem Dampf des Badezimmers heraus. Keine Antwort. "Jonas, geh doch bitte mal zur Tür. Es hat geklingelt!"
Jonas, mein zehnjähriger Sohn, reagiert nicht. Wahrscheinlich ist er in seine Comics eingetaucht, hört und sieht nichts mehr.
Ich seufze, schlage mir das Laken um die Hüften und schlurfe, Wassertropfen versprühend, barfuss quer über das Parkett zur Eingangstür. Ich hoffe, dass es sich nur um den Postboten handelt und nicht wieder um die neugierige Frau Schmidtchen, meine Nachbarin, deren Lieblingsbeschäftigung es ist, Vater und Sohn, alleinstehend, zu beobachten und jede Gelegenheit wahrzunehmen, um sich bei uns einzumischen.
Ich öffne die Tür und ... erstarre augenblicklich.
Zwei himmelblaue Augen, umrahmt von goldblonden Wellen, wandern von meinem feuchten Gesicht, zu meinem nackten behaarten Oberkörper, um dann fluchtartig über das Handtuch, zu den Füßen, Schuhgröße achtundvierzig, zurück in mein Gesicht zu gelangen.
Ein Räuspern, ein sanftes Erröten. "Herr Petrik?"
Ich ziehe das Handtuch enger um die Hüften. Meine Wangen glühen vor Verlegenheit. "Ja bitte?"
Sie sieht mich nicht direkt an, sondern fixiert das Namensschild an der Tür.
"Mein Name ist Siv Elkon. Ich komme von der Agentur für Familienhilfen. Sie hatten um eine Hausaufgabenhilfe für ein Kind ersucht. Ich wollte mich bei Ihnen vorstellen."
"Äh, ... ach so, ja stimmt ja, .. kommen Sie doch herein. Ich .. ich muss mir nur etwas Kurzes ... äh... kurz etwas überziehen." Verfluchte Verlegenheit. Was stotterst du da zurecht?
Ihre Mundwinkel zucken verdächtig. Sie tritt auf Abstand bedacht in den Flur. Ich folge ihr hurtig, dabei rutsche ich auf dem feuchten Boden weg, wodurch mein knappes Badelaken fast das Weite sucht. Krampfhaft drücke ich es an den Körper, gelange gerade noch in die Senkrechte, pralle dabei hart gegen die Ecke des Telefontischchens, die mir wiederum schmerzhaft in den Oberschenkel sticht. Mit Müh und Not verkneife ich mir ein Aufstöhnen und weise ihr mit zusammengebissenen Zähnen den Weg.
"Bitte nehmen Sie doch im Wohnzimmer Platz. Ich bin gleich wieder da." Rückwärts stolpernd, die Hände im Handtuch verkrallt, verlasse ich den Raum und husche ins Kinderzimmer.
"Jonas!" Mein Sohn hebt versonnen den Kopf. "Hm?"
Natürlich, Walt Disney und Co. haben seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Noch ganz im Mickey Maus Trance richtet er sich vom Fußboden aus einem Berg von Comic-Heften auf.
"Schnell, die Tageshilfe ist da. Setz dich zu ihr, sag höflich guten Tag und rede mit ihr. Ich muss mich noch anziehen."
Er sieht an mir herunter. "Hast du ihr etwa soo die Tür aufgemacht?"
"Ja, wenn du es genau wissen willst!"
"Das Handtuch sieht zum Piepen aus", grinst er und zeigt auf den Entenschnabel, der kopflos aus einer Falte des Badetuches herauslugt. Ich habe doch tatsächlich das Kinderlaken meines Sohnes erwischt. Mein Gott, wie peinlich!
"Los geh zu ihr. Mach einen guten Eindruck. Du weißt, wie dringend wir jemanden brauchen", lenke ich ab.
Er grinst verschmitzt. "Ja, einer von uns muss ja einen guten Eindruck machen."
Ich ignoriere seine Unverfrorenheit, muss mich beeilen.
Aus dem Kleiderschrank fällt mir ein Berg ungebügelter T-Shirts entgegen. Zum Glück hängt dort noch ein sauberes Oberhemd, man könnte es fast glatt nennen. Dazu eine schwarze Jeans und rein in die dunklen Leinenschuhe aus dem Ausverkauf. Wie lange habe ich gebraucht? Wo ist meine Uhr nun wieder. Ich renne hin und her, bis ich sie im Bad in der Seifenschale finde. Die Seife liegt dafür unter dem Wasserkasten der Toilette. Habe ich dieses Chaos angerichtet? Keine Ahnung. Ein weiterer Blick in den Spiegel. Oh Schreck, mein Haar! Schnell mit dem Fön einigermaßen trocknen. Ja, so geht es! Ich strecke mich und versuche meiner Körperhaltung einen selbstbewussten Touch zu geben. So trete ich ins Wohnzimmer.
Mein Junior sitzt der Tagesdame aufmerksam gegenüber. Zwischen ihnen liegt eine Tüte Kekse. Was für eine gute Idee, sie damit zu beschäftigen. Ich bin stolz auf Jonas. Sie spricht lächelnd mit ihm und blickt auf, als ich hereinkomme. Wieder dieses Strahlen in den Augen.
"Da bist du ja endlich!", ruft Jonas erlöst aus. "Wir haben schon fast alles aufgegessen."
Ihr Lächeln trifft mich! Mein Herz fängt heftig an zu klopfen.
"Es tut mir leid, dass Sie warten mussten", beginne ich mich zu entschuldigen. Eigentlich könnte ich mich dafür ohrfeigen, dass sie mich so durcheinander bringt. Schließlich hat die Agentur ihren Besuch nicht einmal angekündigt.
"Ist nicht schlimm", erwidert sie gelassen. "Ich war ja auch nicht angemeldet." Kann sie Gedanken lesen? Bleib bei Sinnen, Junge!
"Darf... darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten? Etwas Kaltes oder Kaffee oder...?"
Ich suche in Gedanken meine Vorräte ab.
"Ein Tee wäre nach den vielen Keksen nicht schlecht!", meint sie hilfreich. "Natürlich nur, wenn Sie einen haben."
"Einen Tee! Klar! Ich setze sofort Wasser auf, Fräulein ...", ich Trottel, jetzt habe ich auch noch den Namen vergessen, "...wie war Ihr Name noch?"
"Siv Elkon!"
Klingt irgendwie nordisch, passt zu ihren blonden Locken, fährt es mir durch den Kopf. Wo habe ich denn bloß den Tee hingelegt?
"Also wie gesagt, ich mache uns einen Tee. Jonas, schütte bitte die restlichen Kekse in eine Schale." Wo ist dieser verdammte Tee?
"Es sind nur noch drei drin, Papa. Das lohnt sich gar nicht."
Auch das noch, mein Geld ist sowieso knapp, aber wir müssen ihr etwas anbieten. Die Teebeutel finde ich in einer alten Keksdose.
"Jonas", flüstere ich, während ich das Wasser aufgieße. "Geh in den Supermarkt und hole eine Tüte Waffeln aus dem Angebot."
Mein Sprössling rennt los.
Ich stelle die Teekanne auf den kleinen Couchtisch und setze mich.
"Jonas ist einen Moment beschäftigt. Ich wollte ganz gern erst allein mit Ihnen reden. Wir brauchen Ihre Hilfe nachmittags bei den Hausaufgaben. Er ist in Mathematik sehr stark abgesackt."
Blaue Sternenaugen blitzen auf. Mir wird ganz anders.
"Ich werde mein Bestes tun, um ihn zu motivieren, Herr Petrik. Ab wann, hatten Sie gedacht, soll ich denn herkommen?" Sie schiebt eine vorwitzige Locke aus dem Gesicht und wickelt sie sich um den Finger. Das bringt mich völlig aus dem Konzept. Ich fixiere die Teekanne, um wieder klar zu werden.
"Ja, wenn Sie täglich ab 13 Uhr könnten, das wäre schon schön. Dann kommt er nämlich nach Hause und... ."
Sie lächelt. Sie hat wunderschöne volle Lippen!
"Und braucht etwas zu essen?", ergänzt sie hilfreich. "In Ordnung, ich bin rechtzeitig da. Er bekommt Mittag und Nachhilfe."
Wie unkompliziert sie ist. Bleibt nur noch die Bezahlung.
"Wie lange könnten Sie bleiben?"
Sie zuckt mit den Achseln. "Ich habe zur Zeit keinen Job und bin daher ungebunden."
Ungebunden! Was für ein Zauberwort, schießt es mir durch den Kopf. Kein Job, hört sich allerdings nach höheren Ausgaben für mich an. Wie hoch muss ich ihr Honorar ansetzen, damit sie annimmt?
In diesem Moment klingelt es Sturm. Ich springe auf. "Oh, dieser Junge!"
Sie lacht. Gut gelaunt reiße ich die Tür auf und ....... pralle zurück.
Der unsympathische Inhaber unseres Supermarktes, schräg gegenüber, funkelt mich mit wütenden Augen an. Eine Hand umklammert das Handgelenk meines Sohnes, in der anderen schwenkt er triumphierend eine Schachtel Waffeln. Ein unendlicher Redeschwall ergießt sich über mich.
Als er gezwungenermaßen Luft holen muss, um nicht an seinem eigenen Atem zu ersticken, komme ich endlich zu Wort.
"Was ist passiert?"
"Bestohlen hat mich ihr missratener Sohn, übel bestohlen! Kaum dreht man ihm den Rücken zu, räumt er die Regale leer. Na ja, aber kein Wunder bei solchen Familienverhältnissen. Keine Ahnung von Erziehung, aber ein Kind aufziehen wollen. Am besten, ich hole das Jugendamt, damit das Kind aus diesem Umkreis verschwindet. Die wissen, was man mit diesen Rotznasen machen muss!"
Ich schnappe nach Luft, um ihm etwas Passendes zu entgegnen. Vor allem aber soll er Jonas loslassen, der sich heulend in dem festen Griff windet.
Plötzlich steht Siv neben mir. Irgendwie kommt sie mir verändert vor. Ein fester Blick trifft den Dicken.
"Lassen Sie das Kind los!" Ich bemerke verwundert, wie er in sich hineinschrumpft. "Sofort!"
Die feisten Finger lösen sich von Jonas. Zitternd flüchtet er in meine Arme. Der Dickbauch strafft sich. "Wer sind Sie denn?", fragt er giftig.
"Ich bin vom Jugendamt", behauptet sie.
Mir fällt die Kinnlade herunter. Vom Jugendamt? Haben die denn überall ihre Spitzel? Warum hat sie das nicht gleich gesagt? Jetzt wollen sie mir doch noch mein Kind wegnehmen.
Siv Elkon beugt sich zu Jonas hinunter. "Erzähl mal, was passiert ist. Hast du die Kekse genommen, ohne zu bezahlen oder hast du es nur vergessen?"
"Nein, ich ... ich hatte kein Geld mehr. Ein paar größere Jungen haben mir unten aufgelauert und gesagt, wenn ich ihnen nicht gleich alles Geld gebe, dann verprügeln sie mich. Ich musste es ihnen geben."
Ich bin verärgert über meinen Sprössling.
"Warum bist du denn nicht wieder zurückgekommen?"
"Du hast doch gesagt, dass wir die Dame auf jeden Fall kriegen müssen. Ich wollte nicht, dass sie wieder weggeht."
Siv Elkon schiebt die Brille auf der Nase hoch und versichert Mr. Supermarkt, dass der Jonas jetzt in guten Händen sei. Bei mir schellen Warnglocken im Kopf. Sie sagt irgend etwas von einem Paragraphen aus dem Jugendschutzgesetz. Mir fällt die Geschichte vom Wolf im Schafspelz ein. Wie eine Geißenvater presse ich Jonas an mich.
Siv kramt etwas Geld aus ihrer Jackentasche, drückt es dem Typen in die Hand und schnappt sich die Waffeln. Ich bin sprachlos.
"Und keine Anzeige!", ruft sie ihm nach, während er schnaufend die Treppe hinunterstampft.
Ich schicke Jonas in sein Zimmer, als wir wieder in der Wohnung sind.
"Sie sind also vom Jugendamt?", knurre ich Siv leise an. "Feine Masche, mir den Sohn wegnehmen zu wollen."
Irritiert runzelt sie die Stirn.
"Was? Warum sollte ich Ihnen Jonas wegnehmen?" Sie nimmt die dunkelumrandete Brille ab. "Hier, Ihre Brille."
"Das ist meine Brille!", stelle ich überflüssigerweise fest.
Sie löst das Band aus ihrem Haarzopf. "Richtig!"
Deshalb kam sie mir so verändert vor.
"Wieso haben Sie meine Brille aufgesetzt?"
"Es hat doch gewirkt. So hat mir der Dicke auf jeden Fall abgenommen, dass ich vom Jugendamt bin."
"Sie hätten ihm doch nur Ihren Ausweis zeigen brauchen?", herrsche ich sie an. Sie lacht hell auf. "Oh nein! Sie glauben tatsächlich, dass ich vom Jugendamt komme? Das habe ich doch nur gesagt, um den Mann zu vertreiben. Sie sind mir vielleicht einer. So gutgläubig."
Ich könnte vor Scham in den Boden versinken. Sie muss mich für einen absoluten Dummkopf halten. Ich wundere mich, dass sie noch hier ist und nicht schon das Weite gesucht hat.
Lachend lässt sie sich in den Sessel fallen.
"Jetzt brauche aber dringend noch einen Tee!"
Ein herzlicher Blick aus den Sternenaugen sagt:
Wir sind Verbündete!
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