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Leseproben
Gefühlsströme
(Kurzgeschichten)
Seegeflüster und Lebenesfunkeln
(Kurzgeschichten)
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Sternenspringer
(Real-Fantasie/SF)
Die Chaosnadel
(Thriller)
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Outgirl
(Real-Fantasie/SF)
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Unter dem Seelicht
Das Schlagen der Wellen gegen die Mole unter ihm hatte zugenommen, die Gischt
spritzte hoch hinauf. Zwei Möwen zankten sich um einen toten Fisch. Er betrachtete
sie eine Weile, bis eine siegte und die andere laut schimpfend davonflog. Der Wind
nahm zu und trieb Nebelschleier über das Wasser.
Georg wunderte sich, dass das Wetter so schnell umschlug. Es wurde merklich kühler,
der Himmel zog sich weiter zu. Fröstelnd und etwas umständlich stemmte er sich am
Geländer hoch. Hinter ihm begann die Seeleuchte ihre Kreise zu ziehen. Die Automatik
war angesprungen.
„Aaaah!“, kam es in diesem Moment von unten. Gleichzeitiges Scheppern und Klirren.
Georg zuckte zusammen. Er hetzte durch den Lampenraum die Leiter hinunter in den
Wohnbereich. Fast glitt er auf einer der Sprossen aus, konnte sich aber eben noch fangen.
„Was ist passiert?“
Sven hielt sich mit beiden Händen an der Anrichte der Küchenzeile fest. Er war
kalkweiß. Zu seinen Füßen lag das zerbrochene Weinglas. Mit aufgerissenen Augen
starrte er zur gegenüberliegenden Wand.
Unheil ahnend folgte Georg seinem Blick. Im Zwielicht des inzwischen schummerig
gewordenen Raumes erkannte er hinter dem Aufgang zum Leuchtraum einen uralten Holzschrank,
dessen Türen nur angelehnt waren. Mit Übelkeit in der Kehle schob er sich an Svens Seite.
„Ist das etwa Blut, was da herausläuft?“
Sven stieß einen Schwall Atemluft aus, als hätte er sie die ganze Zeit über angehalten.
„Die Türen sind plötzlich von ganz alleine aufgegangen“, flüsterte er.
Er langte mit der linken Hand in eine Schublade des Küchenschranks, packte ein großes
Brotmesser, schnappte sich ein Geschirrtuch und ging Schritt für Schritt auf das
Schrankungetüm zu, vor dem eine rötliche Lache schwamm.
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Tornado im Herbst
Der Sturm riss klappernd an den Fensterläden der geräumigen Blockhütte. Die Wände
knirschten ein wenig, doch der Bau war stabil, so dass er eine gewisse Geborgenheit
vermittelte. Feline spähte aus dem Fenster auf die sich dunkel auftürmenden Wolken.
Grau knäuelten sie sich jenseits der Hügel, fast wie ein entfachtes Feuer mit seinen
Rauchwolken. Sie spürte untergründige Angst. Schnell wischte sie die letzten Krümel
von der Anrichte, ließ dabei jedoch nicht das aufkommende Wetter aus den Augen.
Für zwei Oktoberwochen war die gesamte Familie in das eigene Ferienhaus in Schleswig-Holstein
gefahren. Zu dieser Zeit hatten sie hier in vergangenen Jahren schon so manches Gewitter erlebt.
Quentin trat zu ihr, in einer Hand die Brille, mit der anderen fuhr er sich durch das
schüttere Haar. „Das sieht nicht gut aus“, brummte er.
„Wir sollten die Hütte sichern. Ich hole einige Balken aus dem Schuppen.“
Seine Schwiegertochter sah ihn ungläubig an.
„Willst du die Fenster vernageln?“
„Ein Brett quer rüber kann nicht schaden“, erwiderte er und lief zur Haustür. „Hol` die
Kinder lieber herein, und Samuel und Jan sollen sich schleunigst aus dem Keller bewegen,
um zu helfen.“
Feline schüttelte wortlos den Kopf.
‚Der Alte wird immer merkwürdiger’, dachte sie, ‚so schlimm wird es schon nicht werden’.
Doch als sie erneut durch die Scheiben blickte, krampfte sich ihr Magen zusammen. Der Horizont
war vollständig von dem Wolkenkoloss verdeckt und drüben, weit hinter den jetzt winzig
wirkenden Bauernhäusern an der Hauptstraße, bildete sich soeben ein senkrechter Luftschlauch,
der in wirbelnder Bewegung vor dem schwarzen Himmel tanzte. Die junge Frau warf das Wischtuch
ins Waschbecken, rannte zur Eingangstür und brüllte in das Windgeräusch hinaus.
„Philipp, Mark, Sally, sofort ins Haus mit euch!“ Drei Kinderköpfe fuhren fragend in die Höhe.
„Kommt herein!“, drängte Feline. „Sofort!“
Sechs Beine setzten sich in Bewegung. Der stärker gewordene Wind zerzauste die blonden Schöpfe.
Feline schob sie in die Stube. „Geht runter in den Keller. Es gibt ein schlimmes Unwetter.“
Sie drückte jedem der Kinder eine Wolldecke in den Arm. „Husch, husch, beeilt euch.“
Dann rief Feline nach den Zwillingen.
Inzwischen hämmerte Quentin bereits die ersten Bretter gegen die vibrierenden Fensterrahmen.
Ein Fensterladen nach dem nächsten schlug klappernd zu. Bei dem Gebäude handelte es sich um
ein sechseckiges Blockhaus, das großzügig gebaut, auch über zwei behagliche Kellerräume verfügte.
Samuel und Jan stapften, murrend über die Störung, die ausgetretene Steintreppe empor.
Feline wies zum Küchenfenster hinaus.
„Helft dem Großvater, aber schnell! Wir kriegen einen Tornado!“
Die siebzehnjährigen Zwillinge erwachten schlagartig aus ihrer Trägheit.
„Verdammt!“, stieß Jan plötzlich aus. „Das sind ja sogar zwei Windhosen!“
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Verschwunden
Sie sind erschöpft, fix und fertig nach der langen Suche und klitschnass wegen des
Herumrennens von einer Straße zur anderen im strömenden Regen, bis sie sich schließlich
zurück zum Haus begeben haben, in der Hoffnung, dass Amelie wieder aufgetaucht ist.
Aber das ist sie nicht! Für einen Moment schließt Josephine die Augen und atmet tief durch. Wo ist sie nur?
*
Hart peitscht ihm der Wind den Regen um die Ohren. Prasselnd, kalt und unbarmherzig ergießt
sich die Flut über Jacke und Kapuze. Die Brücke bildet eine Windschneise, unbarmherzig drückt
er gegen den Körper. Lange Pfützen haben sich gebildet, über die man balancieren muss, um keine
nassen Füße zu bekommen. Dann erst die Treppe zum Fußweg, glitschig von Dreck und Restlaub.
Das Geländer ist klamm, die Feuchtigkeit dringt durch die Handschuhe, so als müsste sie sich
noch zusätzlich bemerkbar machen. Autoreifen zischen über Aquaplaning, die Bewegungen der
Scheibenwischer an den Fahrzeugen klingen wie eine gerade instand gesetzte Wassermühle und
zu allem Überfluss rast ein Radfahrer außerhalb des Radweges quer an ihm vorbei. Wasser wirbelt
auf, spritzt in alle Richtungen, auch gegen seine neu erworbene helle Winterjacke.
‚Jawohl, es ist Winter!’, sinniert Bellmann mürrisch. ‚Aber nicht der Winter, den man sich erträumt, mit
zarten weißen Schneeflocken, die flüsternd vom Himmel fallen, und weich Erde, Häuser und Gartenzäune in
silbrige Watte hüllen. Auch nicht der Winter, in dem sich die Geräusche der Stadt in dumpfe Töne
verwandeln, weil der wundersame Schnee alles dämpft, was er umgibt.’
Kommissar Richard Bellmann ist wirklich nicht bester Laune, ja, es darf gesagt werden,
dass ihm das Wetter heute besonders auf den Geist geht, während er gegen halb Acht des dritten
Januar, die kalten Hände in den Taschen, in Richtung Büro stapft. Na gut, es ist eher ein Tänzeln
zwischen den Wasserlachen hindurch, welches ihn wie ein Nashorn im Spitzenballett aussehen lässt.
Die Brille ist ihm auf die Nasenspitze herunter gerutscht, das Käppi auf seinem Kopf hängt tief über
den Augen zum Schutze gegen den feuchteisigen Wind und die triefende Nässe. Dies verlängert wiederum
die Vorderfront seines Gesichtes in dem Maße, dass sein Profil dem Kopf des besagten afrikanischen
Spitzmaulnashorns im Dämmerlicht des Morgens schon sehr ähnlich sieht.
Zudem verfügt der Herr Kommissar über eine beachtliche Leibesfülle, welche er jetzt seufzend durch die
Eingangstür des Polizeigebäudes drückt.
Sein Kollege Steen van Hargen ist bereits eingetroffen, hält eine dampfende Tasse Kaffee in den Händen und
begrüßt den Kollegen mit: „Was für ein Wetter, Rick! Ich wäre liebend gern im Bett geblieben.“
„Wem erzählst du das?“, brummt Bellmann. „Aber der Job ruft.“
„Ja, und wie“, erwidert Steen. „Wir haben heute morgen eine Vermisstenanzeige reinbekommen. Ein Mädchen, vier Jahre!“
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Die Stärkeren siegen
Dann sauste Dracula heran und zum Schluss der etwas langsamere Frankenstein. ‚Ja, sie
haben schon ihre Rangordnung, die kleinen Racker’, lächelte er in sich hinein. Beseelt
goss er sich ein drittes Glas Bourbon Whisky ein.
„Prost Freunde! Nachtisch gefällig?“
Grinsend kippte er die Hälfte des Inhaltes aus dem Glas ins Wasser und trank den Rest
in einem Zug leer. Schattenhaft glitten ihre Körper durch das Becken.
Seine Frau Lydia war nicht sehr begeistert gewesen, als er seine neuen Freunde mitgebracht hatte.
„Piranhas? Bis du verrückt geworden?“, hatte sie gekeift. „Welcher Idiot schafft sich denn Piranhas an?“
Das mit dem Idioten hatte er ihr sehr übel genommen.
Ihre Ehe war sowieso seit langer Zeit nur noch ein Trugbild.
Aber jetzt war er böse, sehr böse.
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Föhrer sind wortkarg
Frost kroch über die Deichkrone und die Brandung küsste forsch das Ufer. Dunkle Schneewolken verschleierten
die Sonne. Sie ließen die Reetdachhäuser wie geheimnisvolle Hügel erscheinen,
mit glänzendem Schmuck, denn hinter den Fensterscheiben der niedrigen Katen und Kapitänshäuser
funkelten unzählige Lichter. Dies jedenfalls kam Sarah in den Sinn, als sie mit der MS Nordfriesland
in Wyk auf Föhr anlegte. Die Euphorie schwand, während sie ihren Trolley vom Fähranleger Richtung
Bushaltestelle schleppte.
‚Was hast du dir nur dabei gedacht, in dieser Jahreszeit auf eine Insel zu fahren? Kannst du nicht vorher überlegen,
wie beschwerlich es werden könnte? Der Weg ist glatt, der Koffer ist zu schwer, du hast die falschen Schuhe an und
dieses grässliche Tuch rutscht auf dem Haar wie Schmierseife.’
Eigentlich hätte es den Wind abhalten sollen, aber inzwischen weigerte es sich standhaft, dies zu tun.
Es hing schief fast auf ihrer Schulter. Verzweifelt versuchte sie, es wieder an die vorgesehene Stelle zu zerren.
„Mist!“, fluchte sie, als der Wind ihr die Achtzig-Euro-Frisur endgültig zerzauste und das Tuch flatternd mit sich nahm.
Eine Frau mit kurzem Haar überholte sie und rief ihr lachend zu: „Tja, vergebliche Mühe, meine Liebe.
Auf Föhr gibt es keine Frisur. Hier gibt es nur Haare!“ „Sehr witzig“, rief Sarah ihr nach und blieb
für ein paar Sekunden schnaufend stehen. Doch der kalte Wind kroch unbarmherzig durch den Stoff ihrer
Hose und die Halbschuhe hielten ihn auch nicht fern.
Und ..., ach du Schreck, dort stand bereits der Bus!
So zog sie mühsam an ihrem Koffer, schlitterte über Kopfsteinpflaster, versuchte an Tempo zuzulegen und ....
... landete schmerzhaft auf ihrem Hinterteil, welches sofort unangenehm feucht wurde.
Das Köfferchen aber
rutschte mit einem kräftigen Schwung auf die Straße. Autobremsen quietschten, empörtes Hupen und es gab
ein eigentümliches Geräusch, welches Bilder in Sarahs Kopf hervorriefen, die sie liebend gerne nicht gesehen hätte.
„Hoppla!“, meinte eine dunkle Stimme neben ihr. „Nicht so temperamentvoll!“
Auf solche Sprüche konnte sie im Moment absolut nicht. Aber anstatt zu kontern, versuchte sie sich erst einmal mühsam
aufzurappeln, glitt jedoch immer wieder weg. Zwei kräftige Männerhände packten sie unter den Achseln und zogen sie auf
die Beine. „Na geht´s?“
Sie ging dem Hünen etwa bis zum Ellbogen und musste sich richtig strecken, um sein bärtiges Gesicht zu sehen,
wo eine Wollmütze bis über die Stirn gezogen war. Typisch nordisch also, auch die hellblaue Augen. ‚Mein Gott,
was für ein Kraftpaket!’, dachte sie.
„Alles in Ordnung?“, fragte er. Sie nickte nur und hoffte, dass er nicht ihre durchnässte Kehrseite sah.
Dann fiel ihr Blick auf ihren Trolley oder auf das, was davon übrig war.
„Oh nein!“, hauchte sie erschrocken.
Er war im wahrsten Sinne des Wortes „platt“.
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Sternenspringer - Verschlungen vom Universum -
Sterne tanzten vor ihren Augen, als sie mit einem grässlichen Dröhnen im
Kopf erwachte. Für einige Sekunden dachte sie, erblindet zu sein,
aber dann schälte sich nach wiederholtem Blinzeln die Umgebung aus dem
grauen Schleier. Geschüttelt von einem heftigen Hustenanfall versuchte
sie der widerlichen Übelkeit, die sich durch ihren Magen zog, Herr zu werden.
Shana schluckte unwillig Galle herunter. Mühsam richtete sie ihren
schmerzenden Oberkörper auf, um Luft zu bekommen. Als sich ihre
Bronchien einigermaßen beruhigt hatten, sah sie sich um. Ihr Herz
klopfte immer noch rasend. Sie versuchte es zu ignorieren, doch der
Lebensmotor hatte seinen eigenen Willen und schlug überschnell in ihrer
Brust bei dem Anblick, der sich ihr bot. Ein großes Felsplateau! Steine,
Staub und die Endlosigkeit des Himmels, an dem eine riesige Sonne auf sie
hernieder brannte.
‚Ruhig Blut’, mahnte sie sich. ‚Ganz ruhig! Du träumst nur!’ Ihre Augen
wanderten ungläubig über den harten Fels, auf dem sie saß. Eine dicke
graue Staubschicht bedeckte ihre Finger und erinnerte Shana an Asche.
Sie schüttelte den Kopf, um das ungewohnte Bild zu verscheuchen, doch
es blieb. Dann bemerkte sie, dass sie nicht allein war. Sechs weitere
Gestalten lagen regungslos rund um sie verteilt am Boden. Ihre Arbeitskollegen.
Zwei Meter entfernt von ihr streckte Jay auf dem Bauch liegend alle
Viere von sich. In diesem Moment hob er den staubverschmierten blonden
Schopf. Mit einer Hand wischte er sich über die blauen Augen, woraufhin
graue Schlieren Stirn und Wange zierten.
"Oh, ist mir schlecht", krächzte er benommen. Er sah auf seine Hände.
"Bah, was ist das denn!" Shana kam nicht dazu, ihm zu antworten, denn
dicht neben ihm begann ihre Freundin Angie panisch nach Luft zu schnappen
und zu würgen, bevor auch sie heftig von einem Hustenanfall geschüttelt
wurde. Shana robbte zu ihr herüber. Jede Bewegung verursachte ihr Schmerzen.
Angie schaute sich irritiert um. "Was ... was ist hier denn los? Wo sind wir?"
"Keine Ahnung, Angie!", flüsterte Shana hilflos. Taumelnd halfen sie
sich gegenseitig auf die Beine und zogen auch Jay hoch.
Ziemlich ratlos begann Shana mit den Fingern ihr zerzaustes Haar zu ordnen.
‚Was ist nur geschehen?’, überlegte sie. Langsam kamen die Erinnerungen
zurück. Der Fahrstuhl, die Kollegen darin, eine fürchterliche Erschütterung,
durch die sie in der engen Kabine schrecklich durcheinander geschleudert
worden waren, ihre Panik in dem Moment und dann? Sie musste ohnmächtig
geworden sein. Und nun waren alle sechs Kollegen und Kolleginnen, die sich
mit Shana im Fahrstuhl befunden hatten, hier auf der eigenartigen Bergplatte.
Sie sah sich um. Die Unwirklichkeit der Situation war grotesk.
"Hast du das Beben gespürt, als wir mit dem Fahrstuhl hochfuhren?",
fragte sie Coy, die gerade ihr Bein nach Verletzungen abtastete.
Die Arme reibend stand diese auf und schluckte, als ihr Blick über die
Umgebung wanderte. "Auf alle Fälle sind wir nicht dort, wo wir hinwollten.
Seht euch das an!" Ihre Stimme klang hohl. Sie wies mit ausgestrecktem
Arm in die Ferne. Einer nach dem anderen erhob sich und musterte verblüfft
den ungewohnten Anblick. Niemand brachte ein Wort über die Lippen.
"Verdammter Mist!", brach Angie schließlich das Schweigen. "Wo sind wir?"
"Wenn ich das nur wüsste", erwiderte Shana. Wie waren sie hier gelandet,
mitten auf einem etwa fünfzig Meter breiten Felsvorsprung aus schwarzem
Gestein? Das Plateau war hinter ihnen durch hohe spitze Felszinnen
halbkreisförmig eingerahmt und nur zu einer Seite offen. Unter ihnen
erstreckte sich ein weites Blätterdach unzähliger riesiger Bäume.
Das Land wellte sich wie ein Strickmuster aus grüner Wolle bis hin
zum Horizont. Ziemlich weit entfernt von ihrem Standort glitzerte eine
Vielfalt bunter Punkte, als ob die gleißenden Sonnenstrahlen sich in
Irgendetwas mosaikförmig brachen. Shana ging zum Rande des Plateaus und
sprang erschüttert zurück. Unter ihr fiel die dunkle Felswand mindestens
zweihundert Meter fast senkrecht steil ab, wie ein gieriger Schlund, der
nur darauf wartete, jeden Unvorsichtigen zu verschlingen. Der Fels bot
keinerlei Halt zum Herabklettern. Ernüchtert erkannte Shana, dass sie auf
dieser Seite nicht von dem Berg heruntergelangen konnten.
"Das hat uns noch gefehlt", flüsterte sie, während sie mit aufgerissenen
Augen das unter ihnen liegende grüne Tal musterte. Die unglaublich steile
Tiefe verursachte ein unwohles Kribbeln in ihrem Körper. Das üppige Laub
der Urwaldbäume verdeckte komplett den Boden des Waldes. Man konnte nicht
einmal ahnen, wie weit es hinunterging.
Tagawa, der Prinz der Falken und Anführer der Kriegerfalken, stand
nachdenklich neben den Sensoren auf dem Dach der Wohnkuppel und grübelte
über die Ursache des Bebens nach. Bisher hatten die Bewohner dieses Planetens,
zumindest seit er lebte und zurückdenken konnte, niemals ein Erdbeben erlebt.
Sollte seine Welt etwa bedroht sein? Kamen fremde Mächte hierher, um sie
zu unterwerfen, so wie die Spartrenen es von Zeit zu Zeit immer wieder
versuchten? War es vielleicht eine unbekannte Waffe ihrer Feinde, die das
Land in Bewegung gebracht hatte?
Er war ein Krieger, hatte geschworen, für den Frieden seines Volkes zu kämpfen,
genauso wie es auch seine ständigen Begleiter, Salamon, Rapsis und alle anderen
Kriegerfalken tun würden. Sie folgten ihm bedingungslos, weil sie seine Klugheit
und seinen Mut schätzten und sich auf ihn verließen, genau wie er sich auf sie
verließ. Er spähte zum heiligen Plateau herüber, welches sich in einiger
Entfernung aus dem Urwald erhob und hielt seine Hand wie einen Schirm
schützend vor seine Augen.
Bewegte sich dort nicht etwas? Nachdem er einige Minuten lang herübergestarrt
hatte, ohne etwas Genaueres erkennen zu können, veränderte er wiederum
seine Gestalt. Er erhob sich als Falke verwandelt elegant in die Lüfte,
kreiste über den Bäumen und gab seinen Freunden, die sich noch an einer
der Ausflugrampen befanden, mit einem hohen Schrei das Zeichen ihm zu folgen.
Er wollte sich die Sache aus der Nähe ansehen. Irgendetwas geschah dort auf
der Hochfläche.
Als sie sich dem Plateau näherten, erkannten sie dort mehrere menschlich
aussehende Lebewesen. Wie kamen sie dort hinauf? Waren es etwa Falkenmenschen?
Wut stieg in ihm auf. Wie konnten diese Kreaturen es wagen, den heiligen
Platz zu betreten?
Er umkreiste mehrmals die rotbraunen Felsen. Seine Falkenfreunde folgten
ihm. Dann verteilten sie sich auf den Felsenspitzen oberhalb der Fremden
und beobachteten sie aus der Nähe. Zwei der Fremden kamen plötzlich
neugierig näher und musterten den Vogelschwarm. Tagawa beschloss, seine
menschliche Gestalt anzunehmen, um sie zu fragen, wer sie waren und wie
sie auf das Plateau kamen. Danach wollte er sie gefangen nehmen, weil
sie die heilige Stätte des Falkenvolkes mit ihrer Anwesenheit beschmutzt
hatten. Entschlossen flog er auf sie zu, landete und stand im selben
Augenblick als Mensch vor ihnen. Seine vier Kameraden folgten seinem
Beispiel ohne zu fragen. Groß und stark bauten sie sich vor den fremden
Wesen auf, um sie weiter einzuschüchtern.
Erschrocken wichen Shana und Angie zurück. Sie hatten nicht damit gerechnet,
dass die Falken direkt vor ihnen landen würden. Als dann plötzlich fünf
ausgewachsene kräftige Männer mit Krummsäbeln und grimmigen Gesichtern vor
ihnen standen, flüchteten sie nochmals mehrere Schritte nach hinten zu den
anderen, bis sie fast an die Felswand stießen.
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Sternenspringer - Illusion der Sehnsucht -
Die großen Schwingen des Falken berührten fast die Baumwipfel, bevor
er sich erschöpft auf einem etwas dickeren Ast im oberen Bereich einer
uralten Eiche niederließ. Er zog die Flügel an seinen Körper und begann
sein staubiges Gefieder zu putzen. Seit über zwei Monaten war nun kein
Regen mehr in den kanadischen Wäldern gefallen. Es war Anfang Juni,
doch bereits so heiß wie im tiefsten Juli oder August. Die Vegetation
wie auch die Tiere des Waldes warteten sehnsüchtig auf eine erfrischende
Abkühlung.
Nachdem der Falke seine morgendliche Reinigung hinter sich gebracht hatte,
erhob er sich erneut in den grellen Sommerhimmel und zog seine Kreise. Mit
scharfem Blick überwachte er die Gegend. Seit einigen Stunden klangen von weitem
ungewöhnliche Geräusche zu ihm herüber. Seine ausgeprägten Sinne warnten ihn vor
der Gefahr, doch die Neugier war größer. Er flog in die Richtung, um die Ursache
der Störung zu erforschen. Etwa einige hundert Meter unter sich bemerkte er eine
Gruppe Männer mit Gewehren.
Als diese den Falken erblickten, hoben sie die Waffen und schossen wild in seine
Richtung. Der Vogel versuchte auszuweichen, schlug stärker mit den Flügeln, um
aus der Gefahrenzone zu entkommen. Plötzlich streifte ein Geschoss den Flügelbereich
des Falken. Er musste all seine Kraft zusammennehmen, um nicht abzustürzen.
Geschwind ließ er sich seitlich herübertreiben und verschwand einige hundert
Meter weiter zwischen dichten Baumkronen. Hier stand am Abhang eines Hügels
eine kleine Blockhütte, gut versteckt und kaum wahrzunehmen. Der Falke landete
auf der Bank vor der Hütte. Im selben Moment, als der Vogel die Bank berührte,
saß dort stattdessen eine Frau. Sie war sehr schlank und hatte langes helles
Haar. Ihr Gesicht war vom Schmerz verzerrt, denn die linke Schulter blutete stark.
Mit zusammengebissenen Zähnen erhob sie sich von der Bank, drückte die Tür des
Blockhauses mit der unversehrten Schulter auf, während sie mit der rechten Hand
den linken Arm stützte und schob sich durch den Spalt der schweren Eichentür ins
Dunkel der Hütte. Schnell verriegelte sie diese von innen und ließ sich stöhnend
auf ein Lager aus Stroh fallen, über das eine Decke ausgebreitet war.
Inzwischen schwärmten die Jäger aus. Sie suchten nach dem Falken. Es waren
sechs Männer. Bärtig, braungebrannt und kräftig gebaut glichen sie eher Holzfällern
als Touristen. Dass sie beides nicht waren, würde jemand, der zufällig lauschte,
sofort erkennen.
"Ross", brummte der eine barsch. "Nimm dir zwei Männer und such die Gegend nahe
des Wasserfalles ab. Ich gehe mit Hugh und Flight in die andere Richtung. Irgendwo
muss das verdammte Vieh gelandet sein." "Ok, Smitty! Kommt Leute, gehen wir!
Achtet auf Blutspuren, wir haben ihn getroffen. Er kann nicht weit sein!" Ross
stakste breitbeinig los. "Und wer passt auf die anderen Vögel auf?" Flight, ein
kleiner untersetzter Endfünfziger mit grauen lichtem Haar wies auf einen Stapel
Gitterkisten, in denen bereits mindestens neun verschiedene Raubvögel gefangen
waren.
"Na gut", antwortete der erste Kerl, "bleib mit Ron hier und pass auf das
Gefieder auf. Ich denke, wir sind schnell zurück. War übrigens ein besonders
schönes Exemplar, der letzte Bursche, Leute. Wäre schade, wenn wir den nicht
finden!"
"Ich habe ihn schon oft hier in den Bergen gesehen, doch er war meist nach
kurzer Zeit wieder verschwunden, noch ehe ich mein Gewehr bereit hatte", meinte
Ross beim Weitergehen zu Howard. Sie stiegen den ansteigenden schmalen Waldweg
hinauf, laufend ins Unterholz spähend. Doch nirgends konnten sie den Falken
entdecken. Vor einem dichten Gestrüpp blieb Howard ruckartig stehen. "Hier, sieh
mal, Blutspuren!", raunte er seinem Kumpel zu. Dieser bückte sich und untersuchte
die wenigen Flecken auf dem Boden. "Frisch!" Er erhob sich und blickte lauernd
um sich. "Er muss hier irgendwo sein." Plötzlich entdeckten sie mehrere Meter
schräg über ihren Köpfen einen strauchbewachsenen Abhang, an dessen oberem Ende
in einer kleinen Felseinbuchtung eine morsche Blockhütte stand.
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Outgirl - Nick und Jamon
Die Sonne war im Begriff unterzugehen, dachte er
verzweifelt, denn die wärmenden Strahlen, welche sein
Gesicht fast mütterlich besorgt streichelten, färbten
sich bereits rötlichviolett.
Dann würde unwiderruflich die Dunkelheit kommen und er war
mit seinen Händen und Füßen an diesen grässlichen
Elektrozaun gefesselt. Es handelte sich lediglich um eine
Galgenfrist, die verging bis es soweit war, dass sich
die, in seine Handgelenke schneidenden Schnüre, unter
seinem Körpergewicht von den eisernen Stäben des Zaunes
lösten. Dies war ihm in den letzten Stunden so klar
geworden wie ihm noch nie etwas klarer gewesen war.
Unter ihm, er schätzte mindestens vier Meter tiefer, glänzte
der nackte Asphalt der Begrenzungsanlage des hiesigen
Wassersperrwerkes gleich eines schwarz erkalteten
Lavastromes. Der Damm schwang sich in Form eines
gewaltigen Wulstes aus glatt gemeißeltem Teer, auf fünf
Metern Breite, rund um ein riesiges Becken. Hier
plätscherten Unmengen Regenwasser in seichten Wellen,
das wiederum, irgendwann zu Trinkwasser verarbeitet, die
trockenen Kehlen tausender Lebewesen erquicken sollte.
Die Stauanlage befand sich auf einem dicht bewaldeten Hügel
inmitten des Sachsenwaldforstes. Sie war umgeben von
rötlichorange anmutenden Laubbäumen, zwischen denen
sich stattliche dunkelgüne Fichten wie schlanke Riesen
emporhoben, unbekümmert des einsetzenden Herbstwetters,
dessen Kälte und Stürme die Blättertragenden in
Mitleidenschaft gezogen hatte. An einer Stelle des
Wasserbeckens gingen sechs breite Zementgräben ab, die
mit mehreren Staustufen durchsetzt waren. Sie mündeten,
verhältnismäßig steil bergab, in einem großen Fluss.
Einer der seltenen Jahrhundertregen, mit sintflutartigen
Regenfällen, hatte in den vergangenen Tagen den
Wasserstand im Becken so stark anschwellen lassen, dass
derzeit ein tosend schäumender Wasserfall durch die
Gräben talwärts tobte, um das, bis zum Rande gefüllte
Becken von der überschüssigen Last zu befreien.
Gleichzeitig jedoch erzeugte diese gewaltige Flut durch
ihre Kraft in den angeschlossenen Turbinen neuen Strom
für die naheliegende Großstadt und das Umland. Gierig
schluckte der breite Fluss, mit dem Namen Elbe, die
feuchten Massen. Sein Weg hatte bereits im
Elbsandsteingebirge begonnen. Nun strebte er mit
geschwollenen Ufern der breiten Mündung in der Nordsee
zu.
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Outgirl - Der Shadow-Flyer
"Ein tolles Fluggerät", flüsterte er Jamon
zu. "Diese Organisation muss über eine
fortgeschrittene Technik verfügen." Jamon nickte.
Er war wie berauscht von dem Tempo, obwohl man im Inneren
des Fliegers körperlich kaum die immense Geschwindigkeit
spürte.
"Kurs setzen auf 85° alpha 604-20.03 dicht an die
Pheripherie", ordnete Adia in diesem Augenblick an.
"Kurs ist gesetzt", bestätige Trudan.
"Tarnvorrichtung einschalten!" Wieder war es
Adia, die mit knappen Worten ihre Befehle gab.
"Tarnvorrichtung steht!"
"Tarnvorrichtung?" Nick schüttelte verwirrt
den Kopf und tauschte mit Jamon einen Blick des
Unverständnisses aus.
"Wir haben noch zwanzig Sekunden bis Punkt
Zero!", meldete Isabel.
"Omega-Antriebe hochfahren!, befahl Adia.
Das brummende Geräusch nahm zu.
"Countdown zum Start in zwölf Sekunden!"
Adia´s befehlsgewohnte Stimme übertönte den nun doch
stärker gewordenen Motorenlärm.
"Zehn-neun-acht-sieben-sechs-fünf-vier-drei-zwei-eins-Zero
und Start!"
Achmed zog den Steuerknüppel hoch. Seine Augen glichen
kleinen Schlitzen, aber auf seinem Gesicht spiegelte sich
zum ersten Mal seit Beginn des Fluges ein Lächeln, wie
Nick staunend bemerkte.
"Yieiiiiii.....!", rief Trudan. "Haltet
euch fest Leute. Jetzt geht es los!"
Er lachte, während er mehrere Knöpfe auf der Konsole
drückte und wie ein Klavierspieler darauf herumklopfte.
Plötzlich wurden sie von einer zur anderen Sekunden in
die Sitze gepresst. Nick blieb fast die Luft weg. Er
schluckte, denn irgend etwas in seinem Magen versuchte
sich seinen Weg nach oben zu bahnen. Er wollte schreien,
doch brachte keinen Ton heraus. Seine Finger krallten
sich in die Lehnen und als er den Kopf ein wenig in
Richtung Jamon und Peer wandte, bemerkte er, dass es
diesen beiden wohl ähnlich gehen musste. Sie klammerten
sich ebenfalls an ihre Sessel.
"Oh, wie ich diese Starts hasse!", stieß Peer
zwischen den zusammengebissenen Zähnen hervor.
"Und du hast uns nicht mal gewarnt!",
beschwerte sich Nick, während er die Luft aus seinen
Lungen presste. "Das ist ja schlimmer als Achterbahn
fahren!"
"Hätte das etwas geändert?"
"Nein, wahrscheinlich nicht. Aber wieso dieser
Steilstart. Wir waren doch nun wirklich schon schnell
genug?"
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Chaosnadel - Der Beginn
Ein stechender Schwefelgeruch kroch durch die schattenhafte Finsternis. Phosphorene Dämpfe spiegelten sich in der gekräuselten Oberfläche der unterirdischen Therme. Schritt für Schritt tastete sich Sirina mit ihrem Leuchtstab über Geröll. An der Wasserkante war der Geruch kaum noch zu ertragen. Sie band sich ihr Halstuch vor Mund und Nase.
Die Griechischstudentin verbrachte zur Zeit auf der Halbinsel Sirmione ihren langersehnten Urlaub. An der Ruinenmauer der Grotte di Catullo war ihr ein durchdringender Geruch aufgefallen. Sie hatte die Efeuranken zur Seite geschoben und dahinter einen dunklen Gang entdeckt.
Im Museum der Anlage gab es zwar Pläne der ehemaligen Villa, doch keine Aufzeichnungen über diese Öffnung. Am späten Abend war sie zur Ruine zurückgeschlichen. Sie wollte erkunden, was hinter den Kletterpflanzen lag. Der niedrige Tunnel hatte sie schräg bergab in diese faszinierende Höhle geführt.
Sirina ließ den Strahl des Leuchtstabes langsam über die Wände der Grotte gleiten. Plötzlich zuckte sie zusammen. Was war das? Was hing dort vor der gegenüberliegenden Wand? Als sie sich näherte, erkannte sie eine alte, mit Grünspan bedeckte Kette, an derem Ende schwebte knapp über der Wasseroberfläche ein langer glitzernder Stift. Das musste sie sich vom Dichten ansehen! Sie wagte einen Sprung zu einem schmalen Sims über das Wasser, rutschte jedoch auf dem feuchten Stein aus und konnte sich gerade noch in die Unebenheiten der Felsen krallen. Erleichtert pustete sie den Atem aus.
Die unglaubliche Entdeckung in Form einer kristallenden Nadel hing nun direkt vor ihr. Die Spitze blinkte metallisch. Das Erstaunlichste jedoch war, dass sie sich trotz des wirbelnden Wasserdampfes, in den sie gehüllt war, nicht bewegte, obwohl das untere Ende genau auf den Punkt im Wasser zeigte, wo die Quelle am kräftigsten sprudelte.
Sirina beugte sich vorsichtig vor und strich leicht über den Kristall. Seine Oberfläche fühlte sich eiskalt an und gab bei der Berührung einen hohen Ton von sich. Wie elektrisiert lief ihr ein Schauer über den Rücken.
"Was haben Sie hier denn zu suchen?"
Der italienische Ausruf fuhr ihr durch Mark und Knochen. Sie verlor das Gleichgewicht, ruderte mit den Armen, fiel fast in die brodelnde Brühe und rettete sich in letzter Sekunde, in dem sie sich mit dem Rücken gegen die Felswand warf. In der Nähe vernahm sie eilige Schritte. Ein Lichtkegel traf ihr Gesicht. In ihrer Not, nicht wieder abzurutschen, brüllte sie wütend auf deutsch zurück:
"Sind Sie verrückt geworden, mich so zu erschrecken? Nehmen Sie diese verdammte Lampe weg!"
Der Kegel senkte sich tatsächlich. Sie hörte ein Seufzen.
"Na, kommen Sie, ich helfe Ihnen zurück."
Die Stimme klang deutlich freundlicher und der Mann, dem sie gehörte, sprach jetzt ebenfalls deutsch. Im Schein ihrer Leuchtröhre, die sie am Gürtel befestigt hatte, erschien eine Hand. Sirina griff danach und ließ sich hinüber auf den feuchten Speckstein ziehen.
"Was treiben Sie hier bloß? Sind Sie lebensmüde?" Seine Stimme klang verständnislos.
Sirina hob ihr Licht und musterte den Überraschungsbesuch. Er war etwa in ihrem Alter und trug eine abgetragene Wächteruniform. Sie runzelte die Stirn.
"Wer sind Sie?"
"Ich bin der Museumswächter, Vittorio Briselli."
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Chaosnadel - Im Atem des Vulkans
Weinende Kinder in den Armen von Frauen, alte Menschen auf Steinen sitzend, die Luft mit beißendem Schwefelgeruch geschwängert, die Straßen voll Ascheschlamm und der Himmel milchig verdunkelt. Das war nur ein Teil der Bilanz nach dem verheerenden Vulkanausbruch, der, von schweren Erdbeben begleitet, mindestens zwei Randbezirke Catanias betroffen hatte.
Manfred stand neben seinem Auto am Straßenrand, in der Hand eine Wasserflasche. Er schaute düster auf die Autoschlange, die sich träge an ihm vorbeiwälzte. Viele der Einwohner flüchteten. Der Vulkan schien zwar nicht mehr ganz so heftig zu reagieren, doch die Angst stand den Menschen in den Gesichtern geschrieben.
In diesem Moment tauchte Aric mit verschwitztem Gesicht neben ihm auf. Der Geophysiker war laufend in Kontakt mit seinen Kollegen rund um den Ätna. Sie sollten jede Veränderung des Vulkans an eine zentrale Leitstelle melden.
"Oberhalb von Nicolosi hat es eben einen Durchbruch der Magma gegeben!", keuchte er. "Ich soll die Leute dort beim Messen der Frequenzen unterstützen. Fährst du mich hin?"
"Oh! Du meinst, wir kommen hier durch?" Missmutig wies Manfred auf die verstopfte Straße.
"Thomas hat mir auf dem Plan eine Nebenroute gezeigt. Die können wir benutzen", erwiderte der Freund.
Manfred schraubte achselzuckend die Wasserflasche zu. Besser, als hier zu stehen, war es allemal, dachte er grimmig. "In Ordnung, versuchen wir es!"
Die breiten Reifen des Wagens gruben sich durch den puddingweichen Untergrund den Berg hinauf. Es war durchaus kein angenehmes Gefühl, im Auto zu sitzen, denn auch hier spürten sie die Vibrationen des Bodens.
Aric wies in Richtung Osten.
"He! Ist das nicht Nigel?"
Geschwind kletterte er über die bizarren Lavabrocken zu seinem Freund hin. Als er neben ihm stand, wollte ihm fast der Atem stocken.
"Oh mein Gott!"
Bei diesen Worten drehte sich Nigel zu ihm herum. Das Weiße seiner Augen stach hell aus dem rußgeschwärzten Gesicht heraus, was ihm das Aussehen eines halbverhungerten Landstreichers gab. Er wies mit dem Kopf auf eine mehrere Meter breite heiße Schuttlawine unter ihnen, die sich auf die, nicht weit entfernten Steinhäuser des Dorfes Nicolosi zuwälzte.
Eine Gasfontäne zischte an Arics Kopf vorbei und spieh glühende Erdbrocken aus. Mit einem Aufschrei rollte er sich zur Seite und bedeckte schützend die Augen. Nigel kroch auf allen Vieren einige Meter von der Erdspalte weg.
Plötzlich brach mit dumpfen Poltern ein Stück des Bodens an der Stelle ab, wo er sich gerade aufrichten wollte. Er rutschte bäuchlings das Gefälle hinunter, bis er sich an einigen aufgeheizten Felsbrocken festklammern konnte.
Aric robbte an die Felskante und starrte verzweifelt in den Abgrund. Es war zu tief. Er konnte Nigel nicht erreichen.
"Ich hole Manni!", brüllte Aric in den Krach des donnernden Vulkans hinein. "Mit dem Auto und einem Seil können wir dich heraufziehen!"
In diesem Augenblick sackte der Vorsprung weg, auf dem er lag. Er stürzte dem glühenden Fluss in der neu entstandenen Senke entgegen, rutschte über Steine und scharfen Bims, schlug sich die Stirn an irgendetwas Hartem und landete schließlich auf einem flachen Felsen, ein ganzes Stück unterhalb von Nigel, direkt neben der Geröllglut.
Er hatte nicht einmal schreien können, stattdessen schmeckte er Blut, gemischt mit Staub und Kiesel und spürte jeden Knochen im Leib. Beißender Schwefelgeruch lähmte seine Lungen. Hustend richtete er sich von dem wankenden Boden auf. Die Hitze schien ihm die Gesichtshaut zu verbrennen. Mit einem Arm vor dem Gesicht rückte er bis an die steil ansteigende Spaltenwand zurück.
Er sah hinauf zu seinem Freund. Ein bestürzter Blick traf ihn.
Dann bemerkte er eine Bewegung am oberen Rand des Abgrunds. Es war Manfred.
"Oh nein", flüsterte Aric. "Lass nicht auch noch ihn abstürzen."
Sekunden später verschwand Manfred.
Aric wandte sich dem dahinschiebenden Lavastrom zu. Seine aufgerissenen Knöchel pochten, die Haut schien zu explodieren, genauso wie sein Kopf.
Die glühenden Gesteinsplacken tanzten unter flimmernden Schwaden. Formen und Figuren wirbelten in der fauchenden Satansglut. Flammende Schwerter stiegen aus ihr hervor ...
`Bleib bei Sinnen, Aric', mahnte sein Unterbewusstsein. ‚Du musst hier weg!'
Mühsam stemmte er sich an der Felswand empor und suchte nach Vorsprüngen zum Klettern. Immer wieder brach das lockere Gestein unter seinen Füßen weg. Schließlich sackte er keuchend in sich zusammen.
Die Anstrengungen waren umsonst. Er würde den Aufstieg nicht schaffen. Er fuhr sich mit der Zunge über die Brandblasen auf seinen Lippen.
‚Wie lange werde ich diese Hitze überstehen können, ehe sich meine Haut vom Körper schält?' dachte er niedergeschlagen.
Seine gereizten Augenlider wurden schwer. Das hämmernde Geräusch in seinem Schädel schwoll an. Er kippte nach vorne und fiel auf die Hände, ergriffen von unaufhörlichem Husten. Der Hauch des Feuerteufels hüllte ihn ein. Sprühglut umtanzte ihn. Mit dem letzten Funken klaren Denkens stützte er sich ab, um nicht in das gierig zündelnde Gestein zu fallen.
Plötzlich zuckte er zusammen. Im Strom der Lava war jemand. Zwei Augen schauten zwischen rotglühenden Felsbrocken hervor, aus einem flammenden Gesicht.
Aric verkrampfte sich vor Schreck. War so das Sterben? Das Ersticken an giftigen Gasen? Atmete er überhaupt noch? Zwanghaft hob er eine seiner angeschwollenen Hände. Er wollte das Gesicht in der Lava berühren, dieses Engelsantlitz, das ihm das Ende seiner körperlichen Qualen versprach.
Doch dann schlang sich etwas um seinen Bauch und um seine Schultern. Schwerelos hob sich sein Körper in die Höhe, entfernte ihn von dem erhofften Seelenheil. Schwarzer Qualm kroch in seine Lungen. Er röchelte voller Entsetzen. Die Hölle! Jetzt kam er in die Hölle! Er schloss endgültig die Augen. Komischerweise verspürte er keine Angst, nur Erleichterung, denn die siedende Hitze schwächte sich etwas ab. Mit einem Mal wurde er auf eine schwankende Unterlage gezogen. Etwas drückte auf seinen Mund und seine Nase.
Sauerstoff! Hastig sog er die erleichternde Luft in die Lungen. Immer wieder schüttelten ihn Hustenkrämpfe. Schweißüberströmt öffnete er schließlich die Augen. Durch eine Nebelwand hörte er eine Stimme, verstand jedoch nicht, was sie sagte. Ein ohrenbetäubender Lärm hing in der Luft.
Dumpf registrierte er, dass er sich in einem Hubschrauber befand.
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CHERIELL
Goldglänzend schlugen die Wellen gegen den Küstenstreifen, während die am Horizont versinkende Abendsonne ihre letzten Strahlen wie das wallende Haar einer rothaarigen
Amazone über den bewegten Ozean schickte.
Als die Strömung sich zurückzog, ließ sie dunkelgrün funkelnden Algenschlamm auf dem hellen Sand zurück.
Im Schutze einer Palmengruppierung auf einem etwas erhöhten Granitstein, der dem Treiben der See nicht direkt ausgesetzt war, saß ein Adlerweibchen. Es ließ seinen Blick
über die Schönheit des Farbenspiels gleiten und lauschte dem Klang der aufspritzenden Gischt.
Sein ungewöhnliches weißes Federkleid war für einen Moment in ein zartes Rosa gehüllt. So wirkte es sekundenlang optisch fast wie einen Flamingo, wäre da nicht die
offensichtliche Raubvogelsilhouette gewesen.
Wie jeden Abend hatte die stattliche Adlerdame hier sehnsüchtig darauf gewartet, dass die Abendsonne im Meer versank. Nun war es endlich so weit.
Kurz entschlossen schwang sich der imposante Vogel in die Lüfte, rauschte zu einer kleinen geschützten Nische, welche sich seitlich des Felsens befand und ließ sich dort nieder.
Inzwischen wurde der rote Feuerball endgültig vom Meer verschlungen.
Mit dem letzten Funken Sonnenlicht erstrahlte die Aura des Adlerweibchens in einem gleißenden Schimmer und als der Schein verglommen war, stand an der gleichen Stelle ein junges Mädchen
mit weiß-blondem Haar.
Sie war von schlanker Gestalt und mit einem weißen Kleid aus flatterndem Stoff bekleidet, welches ihr bis zu den Knien reichte.
Nachdem sie kurz die feinen verbliebenen Adlerfedern aus ihrer langen Mähne geschüttelt hatte, sprang sie auf und lief barfuß den Strand entlang. Dabei hüpfte und tanzte
sie leichtfüßig in freudiger Erregung über den feinen Sand der kalifornischen Küste.
*
Im Moment beobachtete sie ein Paar, das auf der langen Promenade eng umschlungen auf sie zukam und miteinander flüsterte.
Sie waren etwa zehn Schritte von Cheriell entfernt, als sie urplötzlich von einer Horde lederbekleideter Männer umkreist wurden. Drohend schwangen diese Ketten und blitzende Klingen.
Die Kerle schienen Cheriell nicht zu bemerken, die erstaunt zusah, wie erst die Frau und dann der Mann zu Boden ging.
Einer der Ledertypen entwendete dem Mann ein kleines Päckchen, bevor die gesamte Gruppe schleunigst durch eine Seitenstraße davonstürmte.
Zurück auf dem Promenadenkies blieben die bewegungslosen Gestalten des jungen Paars.
Alles war so schnell gegangen, dass offensichtlich kaum einer der Passanten etwas mitbekommen hatte. Jetzt standen einige einfach nur total schockiert oder verblüfft murmelnd da und
rührten sich nicht.
Auch Cheriell selbst musste sich erst einmal sammeln, bevor sie aufsprang und zu den Überfallenden lief. Sie kniete neben ihnen nieder und versuchte den Puls am Hals der Frau zu
fühlen, spürte aber keinen.
Die Halsschlagader des Mannes pulsierte schwach. Aus seiner Schläfe lief ein dünner Rinnsal roter Flüssigkeit. Er lebte noch, brauchte aber dringend Hilfe. Cheriell war
während ihrer Ausbildung zur Kundschafterin gelehrt worden, dass im Inneren eines Menschen der Erde diese Flüssigkeit in Form eines Kreislaufes floss genauso wie bei den Chartorianern.
Man nannte sie auf der Erde Blut. Bei ihrem eigenen Volk floss Tzak, ein transparenter Energiestrom, der den Vogel-menschen das Leben gab.
So versuchte sie instinktiv die Blutung zu stoppen, indem sie ihren Daumen fest auf die pulsierende Ader drückte, aus der es kam.
Plötzlich berührte ein Mann Cheriell an den Schultern und zog sie sanft hoch.
„Sie haben genug getan, Miss“, seine Stimme klang rau und belegt. „Alles Weitere muss der Arzt erledigen. Der Rettungswagen ist bereits eingetroffen und der Hubschrauber kommt auch gleich.“
Cheriell blickte in seine freundlichen Augen, während neben ihr ein anderer Mann in Uniform knappe Befehle erteilte, um den Verletzten zu stabilisieren. Sachte schob er sie zur Seite.
„Haben Sie etwas beobachtet?“, fragte Captain Mark Terry die Fremde.
*
Soeben berichtete der Sprecher von einem außergewöhnlichen Meteoriten, der in der Nähe von Los Angeles steil niedergegangen war und nach dem man nun suchte.
„Eigenartigerweise“, ergänzte der Sprecher, „scheint es sich um ein besonders großes flaches Stück zu handeln. Einige Augenzeugen behaupten, er hatte die Form eines Adlers.“
Cheriell zog die Stirn kraus und setzte sich aufrecht hin. Sie sah Joel an.
„Kommt so etwas hier öfter vor?", fragte sie ihn. „Ich meine, flache große Meteoriten in einer bestimmten Form, dessen Flugbahn nicht so leicht zu verfolgen ist."
„Davon habe ich noch nie etwas gehört", antwortete er, „ich stellte mir Meteoriten eher rund und zerklüftet vor. Wieso fragst du?"
„Es könnten meine Leute von Chartoriak sein. Ich bin ebenfalls fast senkrecht und äußerst schnell gelandet. Dabei fällt mir ein", überlegte sie, „wenn man unsere Shuttles
von unten sieht, könnte man sie tatsächlich mit der Form eines fliegenden Adlers vergleichen. Sie müssen es sein, Joel. Nur komisch, dass ich bisher noch keinen telepathischen Kontakt
mit ihnen bekommen habe. Es wäre hilfreich zu wissen, wo sie gelandet sind. Wieso haben sie sich nach unten gewagt, bevor sie mich erreichten?"
Nachdenklich schüttelte sie den Kopf.
Joel war hin und her gerissen zwischen der Angst, Cheriell zu verlieren und dem Verlangen ihr zu helfen, ihre Freunde zu finden.
„Hör zu", meinte er nach einer Weile, „ich bin sicher, sie werden Verbindung mit dir aufnehmen, wenn sie es wirklich waren. Aber bis dahin darfst du nichts überstürzen. Du bist
nur in Sicherheit, solange keiner herauskriegt, wer du bist. Denk daran, dass du noch nicht wieder fliegen kannst."
Er sah sie eindringlich an. Schließlich nickte sie. Joel schaltete den Fernseher ab und stand auf. Nach einigen Runden durch das Wohnzimmer und viele Blicken auf die auf den Boden kauernde
Cheriell, fiel ihm plötzlich etwas ein, womit er sie ablenken könnte.
„Ey, Cheriell, was hältst du davon, mit mir einen kleinen Ausflug zu den Filmstudios zu machen. Wir wollen dort mit der Produktion eines Filmes beginnen. Die Kulissen werden bereits aufgebaut.
Ich war seit einigen Tagen nicht mehr dort und würde gerne mal nachsehen, wie weit meine Leute sind. Es wird dir ganz bestimmt gefallen. Dort ist ordentlich etwas los. Hast du Lust?"
„Oh Joel, du willst mich wirklich mal woandershin mitnehmen? Danke!" Sie fiel ihm um den Hals und küsste ihn auf die Wange. Verlegen räusperte er sich und machte ihre Arme von seinem Hals los.
„Na dann komm", sagte Joel sanft und nahm ihre Hand, „auf zu Hollywoods Filmbranche."
Cheriell genoss die Fahrt in dem komfortablen Auto. Ihre langen Haare flatterten durch den Luftzug des geöffneten Fensters und das gab ihr ein Gefühl der Freiheit wie beim Fliegen.
Im Radio spielten sie wunderschöne Musik, die gut zu den summenden Geräuschen des Motors passten. Cheriell schloss die Augen und gab sich dem Gefühl des Wohlbehagens hin.
Sie dachte, sie könnte ewig so weiterfahren und wünschte sich, dass die Fahrt schön lange dauern würde.
Joel sah zu ihr herüber und lächelte. Wie schnell hatte er es doch geschafft, sie auf andere Gedanken zu bringen. ‚Hoffentlich waren es nicht ihre Leute, die wie ein Meteor zur Erde
herabgesaust sind,’ dachte er etwas egoistisch. Das würde ihm gar nicht recht sein. Während der vergangenen Tage war Joel nämlich eine Idee gekommen. Er wollte die hübsche
Vogelfrau mit in seinen Film einbauen. Sie würden zwar nur des Abends und während der Nacht drehen können, aber er würde es schon hinkriegen, dass die Kulissen derart
verändert würden, dass es zum Teil wie Tagesaufnahmen aussehe. Mit der neuen Computertechnik konnten seine Spezialisten die entsprechenden Effekte schon auf die Beine stellen.
Joel musste nur noch Cheriell dazu überreden mitzuspielen. Er wollte sie langsam darauf vorbereiten. Sie sollte sich erst einmal den Drehort ansehen. Mit ihrem angeborenen Wissensdurst
würde sie sicher alles über das Projekt wissen wollen.
Endlich waren sie da, im Topanga Statepark. Dort befand sich derzeit ein mit Ausnahmegenehmigung errichtetes Filmset.
*
Er hatte während seiner Fahrt versucht, möglichst nicht aufzufallen. Seine Harley stand versteckt etwa 500 Meter von seinem jetzigen Standort entfernt unter einem Gebüsch.
Den Rest des Weges musste er zu Fuß gehen. Auch jetzt spähte er mit zusammengekniffenen Augen in die Dunkelheit. Er hatte sich zwar eine Taschenlampe eingesteckt, aber wollte
sie aus Angst vor unliebsamer Entdeckung vorsichtshalber nicht benutzen. Seine Augen gewöhnten sich langsam an die düstere Umgebung.
Bei der Will Rogers Beach handelte es sich um einen breiten Strandabschnitt, an dem mehrere Felsausläufer direkt ins Meer hinein ragten. Die Asphaltstraße, die hier entlang
führte, lag ein ganzes Stück höher als der Strand selbst.
An einer Seite, direkt gegenüber des Vorsprungs auf dem Antonio stand, gab es eine Palmengruppe. Sie war durch den ständigen Wind, der vom Ozean herüber blies, schon zu
fünfundvierzig Grad dem Festland zugeneigt und sah aus als kippe sie jeden Moment um. Daneben erhoben sich zwei größere Steinblöcke wie Ungeheuer auf dem Strand.
Als Silhouette waren die Gebäude des Volleyballvereins zu erkennen.
Er schlich weiter und vermied es, ein Geräusch dabei zu machen. Seine Füße hatten gerade den Sandstrand berührt, als ein Rascheln ihn inne halten ließ.
Schnell duckte er sich in der Hoffnung auf dem flachen Strand nicht als Mensch erkannt zu werden. Abwartend schaute er zur Palmengruppe hinüber, aus der dieser Ton gekommen war.
Mit einem Mal tauchte eine einzelne Personensilhouette neben dem dunklen Baumschatten auf und sah sich suchend um. Sie blieb etwa zehn Meter vor Antonio stehen. Das Gesicht war
nicht zu erkennen. Der Italiener spannte jeden Muskel seines Körpers und spähte zu der Person hinüber. Er erkannte, dass es sich um einen ziemlich großen Mann handelte.
‚Ein Dealer’, schoss es dem Italiener durch den Kopf. Sein Inneres bereitete sich auf einen Kampf vor.
Als der Mann wiederum einen Schritt auf ihn zu gehen wollte, sprang er ihm entgegen und versetzte ihm einem kräftigen Schlag gegen das Kinn.
Antonio hatte nicht umsonst in seiner Jugend die Vizeboxmeisterschaft seines Landes errungen. Der Hieb schmetterte sein Gegenüber zu Boden, aber schlug ihn nicht k.o.!
Der Hüne stöhnte. Als Antonio ihn am Kragen packte, kam er dem Gesicht so nahe, dass er es trotz der Dunkelheit erkannte.
„Verdammt, Antonio“, fluchte Mark Terry und rieb sich sein Kinn, denn auch er hatte im selben Moment seinen Kollegen erkannt. „Was soll das? Bist du verrückt geworden?“ Antonio ließ ihn los und schluckte.
„Mark! Was um alles in der Welt tust du hier?“, fragte er verwirrt, während er versuchte, seinem Freund auf die Beine zu helfen.
*
Bark standen sämtliche Körperhaare zu Berge. Er hatte schon seit einer halben Stunde das Gefühl, jemand würde ihm folgen, konnte jedoch keine Person entdecken,
obwohl er sich laufend umsah.
Der Commissioner der Ermittlungsstelle im Dezernat meinte, dass er Mark ganz bestimmt im Dance-Style finden würde. Schließlich ermittelte der Captain meist in diesem Discoschuppen.
Und das Style würde nach seiner Ansicht unbedingt zu den ersten Läden gehören, in denen sich Mark umsehen würde.
Leider lag die Disco in einem zwielichtigen Viertel. Jetzt bereute Bark, nicht vorher versucht zu haben, Mark über Antonio oder Joel zu erreichen. Sein Handy hatte dummerweise keinen
Strom mehr. Vergeblich suchte er eine Telefonzelle, die noch intakt war. Aber je weiter er ging, desto düsterer und verkommener wurde die Gegend.
Hinter ihm fiel eine Mülltonne um. Erschreckt fuhr Bark zusammen. Er hörte sein Herz bis zum Halse klopfen. Wieder blickte er sich um. Er erstarrte.
Neben der umgefallenen Tonne stand ein fetter Riese, der ihn fast zahnlos angrinste. Den Blick bösartig auf Bark geheftet, kam er langsam näher. Bark wich zurück.
Plötzlich schlang sich der Arm eines anderen Mannes von hinten fest um seinen Hals. Direkt unterhalb seines Kinns fühlte Bark hartes kaltes Metall. Er war unfähig sich zu bewegen.
Außer des starken Arms schnürte ihm die Angst die Kehle zu. Der Angstschweiß lief ihm über sein Gesicht. Grob stieß ihn der Angreifer vor sich her, dem Dicken vor die
Füße. Unsanft schlug er mit dem Kopf auf dem Asphalt auf.
„Bitte ...!“ Bark versuchte ruhiger zu atmen, als er zusammengekrümmt am Boden lag. Er blickte in die feindseligen Augen der widerlichen Kreaturen, die nun über ihm standen.
Jeden Moment rechnete Bark mit Schlägen und Fußtritten.
„Was wollt ihr von mir? Geld? Ich habe etwas dabei, ihr könnt alles bekommen, was ich habe.“ Flehend sah er in die eiskalten Augen des Mannes mit dem Messer. Vorsichtig wollte er in seine Tasche greifen.
Der Kerl über ihm schlug seine Hand beiseite. Es brannte höllisch. Bark schrie auf. Dann wurde er auf die Beine gerissen. Der Widerling griff ihm an die Kehle und drückte zu.
„Du sagst keinen Laut, verstanden? Oder du wirst sterben! Komm!“
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Myrie
„Wie ist eigentlich Ihr Name, junge Frau?“
Pastor Ulf wandte sich wieder Myrie zu. Sich schon fast in Sicherheit wiegend, weil das Gespräch in eine andere Richtung gegangen war, fuhr sie unwillkürlich zusammen. Aber schnell fasste sie
sich und sah ihn an.
„Myrie! Myrie van der Rieck!“
„Oh, ein origineller Name. Kommen sie aus den Niederlanden?“
Sie nickte. ‚Wenn man es so ausdrücken kann’, dachte sie. „Aus der Nähe von Amsterdam!“ Um es präziser zu sagen, hätte sie verraten müssen, dass man sie im Alter von wenigen
Wochen halb verhungert in einer winzigen Reisetasche mit dem Schild Myrie, an Bord einer DC 7 gefunden hatte, die sich gerade im Anflug auf den Amsterdamer Flugplatz befunden hatte. Doch sie schwieg.
„Sie sprechen unsere Sprache aber gut“, wunderte sich der Vikar.
„Mir fallen Fremdsprachen leicht. Es ist nichts Besonderes dabei.“
Kein Wunder auch, schließlich war sie von einem Waisenhaus ins nächste verschoben worden. Bis zu ihrem neunten Lebensjahr in den Niederlanden, wo sie auch ihren Namen erhielt, da das Haus
van Rieck-Haus hieß. Dann hatte sie für mehrere Jahre in Belgien und Frankreich in diversen Einrichtungen gelebt. Sie wusste nicht mehr, ab wann Deutschland dran gewesen war, wo sie den
Großteil ihrer Teenagerzeit verbracht hatte.
‚Wie komme ich hier nur ohne Aufsehen weg?’, überlegte sie. Sie fühlte sich unwohl bei dem Gedanken an weitere Fragen.
Die Rettung kam unverhofft in Gestalt einer schwergewichtigen Dame, die durch eine freiwerdende Gasse mit ausgestreckten Armen auf Pastor Ulf und Vikar Raven zukam. Der gigantische Überwurf
der Kutte schwang bei jedem Schritt ausladend hin und her. Schon von weitem öffnete sie den knallrot bemalten Mund im grell geschminkten, mit roten Locken umrahmten Gesicht, um zu einem kaum
zu bremsenden Redeschwall anzusetzen.
Der Vikar räusperte sich und tauschte einen panischen Blick mit dem Pastor.
„Nun ja“, stieß er hastig hervor. „Ich muss noch viele weitere Leute begrüßen. Sie entschuldigen mich bitte kurz, meine Herrschaften! Frau Bedinghomer!“
Er neigte höflich den Kopf vor der ankommenden Dame und machte sich davon.
„Ach wie schade, immer ist er so in Eile, der gute Vikar“, säuselte sie hinter ihm her. „Man könnte meinen, er flüchtet vor mir.“ Sie kicherte geziert und blinzelte ihm nach.
Pastor Ulf gab ein unterdrücktes Hüsteln in den Ärmel des Talars von sich und räusperte sich mehrmals, bevor er das Gespräch wieder aufnahm.
*
Die Spuren verschwammen im Schnee. Raven zog seinen bunten Schal höher. Schließlich erreichten sie die Marienkapelle, aus welcher der Schein der immer brennenden Kerze flackerte.
Der kleine Altar war zwar durch ein dünnes Gitter geschützt. Doch konnte man einen halben Meter in das zu einer Seite offene Häuschen hineingehen, um über die Stäbe
hinüberzulangen und eine Kerze vor das Marienbild stellen.
Die Männer pusteten sich den Schnee aus dem Gesicht, als sie in den Windschutz gelangten. Allerdings mussten sich ihre Augen erst auf das schwache Schummerlicht einstellen. Doch dann
erstarrten sie vor Überraschung.
„Das darf doch nicht wahr sein“, flüsterte Raven heiser und fiel auf die Knie.
„Doch, es ist wahr!“, bestätigte der Pastor, während er vor einem zusammengekauerten Bündel in die Hocke ging. Er zog die Kapuze der Mönchskutte ein Stückchen zu Seite.
Ein ockerfarbener Wuschelkopf wurde sichtbar.
„Myrie! Was machen Sie denn in dieser Kälte hier draußen? Mein Gott, Sie holen sich ja eine Lungenentzündung.“
Das Mädchen antwortete nicht. Die Augen weit aufgerissen, starrte sie die Männer erschrocken und zähneklappernd an.
Vikar Raven war völlig irritiert durch diese smaragdgrünen Augensterne, auf denen winzige schwarze Punkte zu schwimmen schienen, doch sofort drehte er sich aus seinem schweren Mantel
und legte ihn Myrie um die Schultern. Dann zog er sie an den Schultern hoch. Nackte rote Haut lugte unter der Kutte hervor, die halberfrorenen Füße.
„Haben Sie denn keine Schuhe?“ Sie schüttelte den Kopf. Die Freunde warfen sich einen besorgten Blick zu, während sie Myrie zu zweit stützten. „Ist Ihnen etwa in der Kirche die
Kleidung gestohlen worden?“
Wieder nur ein zitterndes Kopfschütteln.
„Ich verstehe das nicht“, murmelte Ulf Peters beunruhigt. „Was machen wir nur mit ihr?“
„Ich bringe sie zu mir nach Hause, da kann sie sich aufwärmen. Ein warmes Bad wird Wunder wirken“, meinte Raven ohne Zögern. „Und dann sehen wir weiter.“
*
Die Gestalt löste sich aus der Nische der Hauswand.
‚Glück gehabt’, dachte der kleine Mann im schwarzen Overall. Sie hatte ihn offensichtlich nicht gesehen. Fast wäre er seiner Neugier zum Opfer gefallen. Dabei wollte er nur wissen,
wie die Frau, die sie die Feuerhexe nannten, von Dichtem aussah. Sie war eine zarte Schönheit. Ein grünäugiger Engel aus einer anderen Welt.
‚Ha, die Lemmlinger waren strohdumm.’
Er wusste, dass das kleine Grünauge die Feuer nicht gelegt hatte.
Oh ja, er kannte die Wahrheit! Die ganze Wahrheit! Doch sollten sie ruhig noch ein wenig ihre Intrigen flechten, ihre Spielchen treiben und ihre Gerichtstermine durchziehen. Fast hätte
er laut aufgelacht, als der Staatsanwalt die Anklage vorlas.
Aber diese intelligente Rechtsanwältin, die süße Brünette, war ein Juwel. Ihre Argumente trafen den Kern.
Er hatte im Gerichtssaal in der letzten Zuschauerreihe gesessen und alle beob-achtet, als sie sprach.
Bestimmte Leute begannen bereits vor Angst zu schwitzen. Besonders der Bürgermeister, dieser ehrgeizigen Trottel. Man erkannte es an seinem Gesicht.
Diese Anwältin würde es bestimmt schaffen, die Unschuld des harmlosen Mädchens zu beweisen, natürlich mit dem Geld der reichen Dame in Hejdekov.
Die Lemmlinger Polizei hatte kaum etwas in der Hand, außer einer Zeugenaussage, die besagte, dass sich die junge Frau zum Zeitpunkt des Feuers vor dem Haus befunden hatte. Dieser Zeuge
war sicherlich bestochen worden. Aber die Wahrheit über den Brand, die kannten nur zwei Leute.
Einer davon war er!
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Die Leiche im Sturmgewitter
Aufkommendes schwüles Sturmregenwetter. Dumpfes Donnerrollen in der Ferne. Zuckende Blitze am Horizont.
Die Rapsfelder heben sich vom finsteren Abendhimmel ab wie Vanillepudding in Schokoladensoße, nur in noch extremeren Farben,
versteht sich. Das Blau des Himmels verfärbt sich in tiefes Grauschwarz.
Die ersten Windböen scheinen noch harmlos, rütteln nur an den Flügeln der Windmühle, aber die Wolkenmasse schiebt sich unabwendbar zur Insel herüber,
bis mit einem ersten Knall auch Meister Orkan erwacht, der die Kiefernwipfel herunterdrückt, um wieder einmal seine Kraft zu demonstrieren und die Windmühlenräder knarzen lässt.
Windflüchter bleiben in demütiger Neigung dem Angreifer abgewendet. Flackernd durchteilt Elektrizität den Himmel, Baumkronen tanzen in turbulenten Gebärden und werfen einen Teil ihres Laubes ab.
Nicht der Herbst pflückt die Blätter, sondern das infame Sommergewitter, welches die Sturmgewalten über Alleen, Knicks und Äcker treibt und alles mit sich reißt, dessen Halt
ein wenig zu lose zu sein scheint.
Plötzlich platzen die prallen Wolken auf und entlassen Unmengen dicker Regentropfen auf die dürstenden Wiesen, Bäche und Seen. Gemischt mit den harten Eisbällchen eines versteckten
Hagelschauers überschwemmt die
Fülle das Land, zerschlägt Blütenkelche, die sich nicht rechtzeitig neigen oder größere Blätter mit unvorstellbarer Wucht, zerfetzte Löcher hinein reißend.
Sturmgewitterregen durchfeuchtet auch die letzte trockene Stelle unterhalb der Eichen und Linden, lässt Gräben zu rasenden Kanälen anschwellen und putzt Straßen mit schimmernder Nässe.
Ein Wetter zum Wegsterben oder um Leichen zu verscharren.
Michael Martens späht durch die Fensterscheiben seines Arbeitszimmers auf die gegen das Glas prasselnde Regenflut. Draußen ist kaum etwas zu erkennen, nur dicker Strichregen und graue Silhouetten.
Das heftige Unwetter hatte ihn dazu verleitet einfach drauf los zu schreiben.
Nun schaut er den Text an, den er soeben in den Computer getippt hat und wieder dran vorbei. Die Lampe auf dem Schreibtisch flackert, als der nächste Kracher seine Hörfähigkeit für kurze Zeit reduziert.
Er vermutet irgendwo einen Blitzeinschlag. Vielleicht hundert Meter weiter beim Nachbarn? Wer weiß das schon. Kurz schleicht sich ein leiser Zweifel ein, ob das Reetdachhaus, in dem er lebt, gut genug gegen
Blitzeinschläge gesichert ist. Er hat es erst vor ein paar Monaten gekauft und war davon ausgegangen, daß alles daran in einem ordnungsgemäßen Zustand ist.
Es klopft an der Zimmertür.
„Ein Teechen, Herr Martens.“ Die Stimme seiner ‚guten Fee‘ hier im Haus, wie er sie nennt, kommt dumpf durch die Holztür. Feentje vom Cafe Wattwurm kommt dreimal die Woche
und kümmert sich für zwei Stunden um die Hauswirtschaft des Romanautors. Heute ist sie bereits länger hier, aber das liegt am Wetter. Bei dem schaurigen Getue da draußen
fährt sie lieber noch nicht mit dem Fahrrad nach Hause in den Nooderwoi, meinte sie vor eine halben Stunde.
„Da kommt wat hoch, Herr Martens. Dat sag ich Ihnen, ich spür schon, wie mir die Knochen jucken. Darauf ist Verlass!“ Und sie hatte Recht gehabt, innerhalb einer viertel
Stunde zog sich plötzlich der Himmel zu. Martens bequemt sich, nun endlich zu antworten.
„Kommen Sie rein, Feentje. Ein Tee ist nicht übel bei dem Schietsturm“, ruft er und speichert die letzte Worte im PC ab.
Lächelnd betritt die Hausfrau den Raum und stellt ein großes Tablett mit friesischem Porzellan ab. Teetassen, Teekanne samt Stövchen und einer Schüssel mit Friesenwaffeln.
„Hab ich´s mir doch gedacht, dass der Herr Schriftsteller ein Päuschen braucht. Hier probieren Sie mal. Selbstgebacken!“ Sie hält ihm die Waffelschüssel unter die Nase.
Sie duften köstlich. Ungeachtet seines kleinen Bauchansatzes greift er herzhaft zu.
Draußen spielt sich ein regelrechtes Leuchttheater ab und das Rumpeln über ihren Köpfen endet in einem harten Donnerschlag. Der Sturm drückt unbarmherzig gegen die Fensterrahmen.
Synchron dazu poltert es in diesem Moment sehr heftig an der Haustür. Irgendjemand ruft etwas. Die Beiden springen auf, rennen zur Diele und Feentje öffnet vorsichtig. Ein triefnasser Jens
Spiekenmeister schiebt sich herein und drückt schnell die Tür hinter sich zu, kann aber nicht verhindern, dass ein Schwall Regenwasser bereits hineingetrieben ist.
„Mensch Jens, was machst du denn bei diesem Wetter auf der Straße?“ Feentje hat bereits ein Handtuch gegriffen und reicht es dem tropfenden Ankömmling. Der Polizeibeamte aus
Wyk steht in einer Wasserlache, schnauft unwillig und wischt sich mit dem Tuch über das bärtige Gesicht.
„Na komm, zieh dir erstmal die Öljacke aus“, fordert die Frau ihn auf. „Und nimm deine Polizei-Mütze ab. Die ist ja schon ganz durchgeweicht.“
Erst jetzt merkt der Angekommene, dass ihm trotz seiner Bemühungen das Gesicht zu trocknen, eine bläuliche Soße über die Stirn läuft.
„Mist, das Ding färbt ja!“, schimpft Spiekenmeister, als er, immer noch völlig außer Atem, das verfärbte Tuch betrachtet. Genervt reißt
er die Kappe vom Kopf. „Die ist nagelneu und nun sowas!“
Martens verkneift sich ein Grinsen. Dass der blonde Bart des Oberpolizeimeisters bereits ein wenig ins Grünliche geht, verschweigt er lieber.
„Ich muss dringend telefonieren!“ Der Beamte wirkt total aufgeregt. Einzelne Tropfen rinnen über seine Stirn. „Mein Handy hat keinen Empfang und vorn am Marschweg
liegt ein Kerl mit dem Gesicht nach unten im Gebüsch und rührt sich nicht.“
„Oh, wat du nicht sagst!“ Feentje reißt die Augen auf. „Wer ist das denn?“
„Keine Ahnung, hab ihn ja nicht umgedreht.“ Spiekenmeister wirkt sichtlich nervös. „Wo ist denn nun das Telefon?“
Martens hat schon reagiert und reicht ihm das mobile Haustelefon.
„Du hast ihn nicht umgedreht?“, plappert Feentje weiter, während Jens die Nummer wählt. „Und wenn der noch lebt? Haste mal was von erster Hilfe gehört?
Ich glaub es ja nicht. Haben Sie das gehört, Herr Martens?“
Michael Martens ist bereits in seine Gummistiefel gestiegen und wirft sich seinen Friesennerz über. Jens Spiekenmeister hat mit wenigen Worten einen Rettungswagen gerufen.
Wiederwillig schlüpft auch er wieder in seine Öljacke und stülpt die nasse Mütze über seine zerzauste Frisur.
„Ich begleite dich, Jens“, erklärt Martens trotz Unbehagen wegen des fiesen Wetters. „Zu Zweit können wir mehr ausrichten.“
Dass er insgeheim auf eine gute Story für seinen neuen Roman hofft, verrät er dem anderen lieber nicht. Wann ist man als Schriftsteller schon mal dabei, wenn eine echte Leiche gefunden wird.
Aber vielleicht ist der Mann ja gar nicht tot, sondern nur bewusstlos.
Die Beiden rennen jedenfalls gegen den Wind und Hagelsturm die Straße hinauf, biegen links in eine Sackgasse und stoppen zehn Meter weiter bei einem Graben, welcher einen furchteinflößend
hohen Wasserstand mit sich führt. Sonst nur ein schmaler Rinnsal, treibt er jetzt Blattwerk, Äste und Geröll vor sich her.
„Wo ist eigentlich dein Auto?“, prustet Martens in das Geheul des Sturmes hinein.
„Bin im Matsch stecken geblieben!“, schnauft der Polizist ärgerlich.
Auf einer Überwegsfurt zum nächsten Grundstück liegt etwas verrenkt ein männlicher Körper mit dem Kopf halb im Wasser über einem mittelgroßen Randbefestigungsstein.
„Siehst du?“ Spiekenmeisters Stimme ist kaum mehr als ein Krächzen.
„Da ist er.“
Gemeinsam versuchen die Beiden den Körper umzudrehen. Schließlich schaffen sie es. Man sieht es auf der Stelle, dass der Mann nicht mehr lebt.
Die Augen starren weit ins Wolkeninferno über ihnen. Kein Blinzeln mehr, kein Zucken der Augenlider. Nur ein erstaunter festgefrorener Blick ins Jenseits in einem Körper,
der eigenartigerweise keine Regenschutzbekleidung trägt, sondern einen teuren sehr edlen Anzug aus was auch immer für ein Material. Das kann man durch den Matsch und der
Feuchtigkeit im Gewebe leider nicht erkennen.
In diesem Moment husch ein kleines Kätzchen aus einer Grube unter dem nahestehenden Gebüsch. Die Beiden fahren erschreckt zusammen. Schwarzweiß ist sie, das fällt
Martens als erstes auf. Die Katze ist triefnass, das Fell klebt ihr so sehr am Körper, dass sie wie eine magere Skelettgeisterkatze wirkt. Sie miaut ganz kläglich und
schleicht geduckt an der Leiche vorbei.
Mit einem Blick auf den Fremden, meint der Polizist ernüchtert: „Wie ich schon vermutet habe, tot! Schon ganz kalt.“
„Na, das ist ja kein Wunder, bei dem Wetter“, erwidert Martens und wischt sich vergeblich die Regentropfen aus den Augen. Mitleidig packt er das rührselige Etwas aus
Katzenfell und schiebt es vorne in seine Öljacke bis nur noch zwei Ohren und zwei ängstliche Augen herausgucken. Unter seiner Jacke dringt die Feuchtigkeit durch seinen Pullover
und erreicht sogar das Unterhemd. Um sich abzulenken weist er mit dem Kopf auf den Toten. „Sieh mal hier, eine Platzwunde an der Stirn.“
„Könnte vom Sturz stammen“, mutmaßt Spiekenmeister. Er geht um den Körper herum. „Ich kenn den nicht. Wahrscheinlich ein Tourist.“
Martens zuckt mit den Achseln. „Könnte sein. Ist so gediegen gekleidet, der Mann. Hier, Seide, das Hemd.“ Er streicht mit der Hand ein wenig die Anzugjacke zur Seite.
„Auf jeden Fall muss ein Arzt her, damit er die Todesursache feststellt.“
„Ja ja, da hast du recht. Ich ruf mal den Doktor Bremer aus Wyk an.“
Der Jens Spiekenmeister wird jetzt richtig eifrig. Er hält sein Handy in alle Richtungen bis das tropfenbesprenkelte Display endlich Empfang meldet.
Der Regen ist inzwischen in ein feines Nieseln übergewechselt. Das gröbste Unwetter scheint vorüber gezogen zu sein.
Martens schaut sich ein wenig um. Plötzlich fällt sein Blick auf ein Stück Tuch, das achtlos weggeworfen am Rand des Weges liegt. Es scheint Blut dran zu kleben.
Fast vergisst er, dass er ja die Katze vor der Brust trägt, als er sich gerade danach bücken will. Daher unterlässt er dies und ruft stattdessen: „Jens, komm mal her!“
Der Polizist ist gerade im Begriff sein Handy wieder im Trocknen zu verstauen. Inzwischen läuft das Wasser an seinen Beinen herunter.
Er möchte eigentlich nur noch ins Warme flüchten. Mit spitzen Fingern hebt er das Tuch hoch und springt im selben Moment zur Seite, denn heraus fällt eine
kleine Eisenstange. Auch hieran entdecken die Beiden Blut.
„Na, das kann er aber nicht selbst gemacht haben“, sinniert Martens. „Mit der Stange muss ihm jemand eins übergebügelt haben.
Das war definitiv Mord!“ Fachmännisch beäugt er das Schlaginstrument.
Spiekenmeister bekommt zur grünlichen Farbe seiner Stirn jetzt richtig rote Wangen. Mord? Das kommt so selten vor auf der Insel. Na gut, eigentlich hat er seit Beginn seiner
Amtszeit vor fünfzehn Jahren noch nie einen Mord aufklären müssen. Aber nun? Was soll er tun? Dieser Ort wird plötzlich zu einem Tatort. Tatort!
Was für ein bedrohliches Wort für einen Inselpolizisten.
Die Krimiserie guckt er immer mit seiner Ina Sonntagabends, falls er keinen Dienst hat. Toll, wie die Herren Kommissare da immer jeden Mord aufklären. Aber hier, hier
geht es um richtigen Mord, keinen erfundenen Mord.
‚Oh oh, was tun?‘, fragt er sich. ‚Nur ruhig Blut. Erst einmal den Tatort vernünftig begutachten, Notizen machen und dann sollte ich die SpuSi in Kiel benachrichtigen.‘
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Untergedukert
In Abwesenheit eines Gehweges lief Linda Müller längst eines weißen durchgezogenen Streifens mit spitzen Schritten auf der Straße weiter, sich hin und wieder umsehend,
ob nicht ein Auto oder ein Motorradfahrer nahte, bis endlich eine Lücke in der Fahrbahnabtrennung auftauchte, so dass sie auf eine Grasnarbe hinüberwechseln konnte.
„Puh!“, schnaufte sie. „Und wie jetzt weiter?“
Mutig schlug sie die Richtung über das huckelige Feld zum Wasser ein, denn von weitem konnte sie schon den winzigen Hafen von Langballigau erkennen. Sie kletterte also wiederum über Grasnarben,
fiel fast in einen schmalen mit Schlamm gefüllten Abtrennungsgraben, raffte sich auf und erklomm die letzte Düne, bis sie ein von Stacheldraht umgebenes Schild erreichte, auf dem stand:
‚Jeglicher Verkehr auf der Düne ist verboten’.
Ihre Augenbrauen schnellten hoch. „Soso ...!“ Sie grinste und stapfte weiter über den weichen Sand. So viel zu Lindi, einer Urlauberin aus Hamburg, die sich soeben daran gemacht hatte,
auf einer Düne zu verkehren.
Aber es gab noch einen weiteren Vorfall, der sich an diesem Tage zugetragen hatte:
Langballigau, ein kleiner verschlafener Fischerort an der Ostsee, lag geruhsam im grauen Nebeldunst, einmal abgesehen von den am Samstag eingefallenen Touristen, welche sich allerdings noch nicht
bemerkbar gemacht hatten.
Fischer Hein Johannsen war gerade von der Frühausfahrt zurück, mit einem eher mageren Fang in den Netzen. Ziemlich griesgrimmig vertäute er daher sein kleines Fischerboot, die ‚Luise II’
an der Mole. Die ‚Luise I’ war im letzten Jahr dem Jahrhundertsturm zum Opfer gefallen. So hatte er notgedrungen ein neues Boot und hierfür natürlich einen Kredit beschaffen müssen.
Das Fischerdasein warf heutzutage nicht mehr viel ab, jedenfalls nicht so viel, dass man so Hals über Kopf einen neuen Kahn hätte bezahlen können.
Hein Johannsen schaffte also seine leeren Fischkisten auf den Holzsteg und begann den Fang in den gefüllten Kisten an Bord zu sortieren. Dies hätte er eigentlich bereits unterwegs tun müssen.
Aber da er keinen Helfer hatte, war hierfür keine Zeit geblieben.
So kniete er, ein Bein auf dem Boden, das andere aufgestellt, vor seinen zappelnden Opfern. Was noch lebte, bekam einen dumpfen Schlag auf den Kopf und segelte mit den anderen geeigneten Fischen in die
leere Kiste auf dem Steg. Was zu klein war, um es zu verkaufen, flog im hohen Bogen rüber in die See, worüber sich wiederum die Möwen freuten. Kreischend stürzten sie sich rund um Hein
auf den frühen Zwischenimbiss. Manch einer der schlauen Vögel schaffte es sogar, die Beute vor der Wasserlandung aufzufangen. Es war schon eine reife Zirkusvorstellung von Mensch und Tier.
‚Luise II’ dümpelte unterdessen gemächlich vor sich hin, wurde aber naturgebunden dann und wann von verspritztem Kot der Möwen getroffen. Was oben reinkommt, muss unten auch wieder raus.
Ein Naturgesetz!
Dies regte allerdings Hein Johannsen so heftig auf, obwohl diese Tatsache ihm schon als Kleinkind bewusst gewesen war, dass er versuchte das Vogelpack von seiner geliebten ‚Luise’ zu verscheuchen,
jedoch vergeblich.
„Olles Möwengesindel!“, fluchte er lauthals, sich aufrichtend und mit den Armen fuchtelnd. Unter anderen Umständen hätte er sich danach wieder seiner Fischsortiererei gewidmet.
Diesmal jedoch wollte es das Schicksal, dass just in dem Moment ein schnelles blaues Motorboot mit einem der Frühaufsteher vom Campingplatz ‚Kleine Mole’ an Hein seinem Motorfischkahn vorübersauste
und ein gewaltiger Wellenberg gegen die Breitseite der ‚Luise II’ klatschte.
Das wackere Schiffchen begann gefährlich an zu schaukeln, ebenso wie Hein Johannsen, dieser allerdings in entgegengesetzter Richtung. Aber genau das hatte zur Folge, dass der Skipper sein
Gleichgewicht verlor, erst gegen die niedrige Bootswand knallte und Sekunden später mit einem ungewollten Salto über Bord ging. Die ‚Luise II’ war nun mal eben nur ein ziemlich kleines schmales
Fischerboot mit nicht allzu hohen Seitenwänden.
„Manno man“, fuhr es ihm noch durch den Sinn, „das ist ja schlimmer, als wenn du nach einer Buddel Rum einen im Kahn hast.“ Dann aber warf ihn schon die nächste Welle von außen
gegen seine ‚Luise’. Er bekam, wie zuvor seine Fische, einen kräftigen Schlag gegen den Kopf, was ihn benebelt wie einen Stein zum schlickigen Grund des Hafenbeckens sinken ließ.
Dieser Vorfall war früh und unbeobachtet vonstattengegangen, das schicke schnelle Motorboot jagte in der Ferne davon und dessen Besitzer machte sich bestimmt keine Gedanken über Hein und
seine ‚Luise’, höchstwahrscheinlich hatte er sie nicht einmal bemerkt. So war es nicht verwunderlich, dass keine Stimme ertönte, die „Mann über Bord!“ rief oder sonst
irgendjemand Hilfe holte.
Der tote Seemann geriet in eine Strömung, trieb hinaus in die gerade erwachte Ostsee und ging so auf eine ungeplante Reise.
Auf einem großen Stein sitzend genoss Linda Müller den Sonnenaufgang im Osten der Bucht, deren gegenüberliegendes Ufer noch ein wenig vom Bodennebel verhüllt war.
Darüber allerdings krochen Wärme versprechende Sonnenstrahlen am Horizont empor. Zu ihren Füßen plätscherten die seichten Wellen, die sich je vergrößerten,
als ein blaues Motorboot vorüberflitzte. Schnell zog sie die mit einer weißen Jeans bekleideten Beine an den Körper heran, was sie jedoch nicht vor einigen hartnäckigen Schlammspritzern schützte.
„Meine Güte!“, fluchte sie. „Dieser Lümmel versaut mir das ganze Zeug.“ Sie lispelte etwas und so hörte sich jedes ‚s’ und jedes ‚z’ in den Worten so an,
als ob sie die Zungenspitze gegen die Schneidezähne presste, was sie zugebenerweise auch tat. Nur merkte Linda dies schon seit Langem nicht mehr.
Ärgerlich sprang sie nun auf und versuchte vergeblich die Salzwassertropfen abzuklopfen. „Wenn ich den erwische!“ Sie drohte mit der Faust in Richtung Osten, wohin das Boot
verschwunden war und fuhr sich mit dem Handrücken über die feuchten Lippen.
Da sie nun einmal schon stand, beschloss sie, entlang des Ufers über den schmalen Strand zu wandern und hielt Ausschau nach Bernstein und schönen Muscheln. Gesenkten Hauptes
machte sie sich langsam über den feuchten Sand auf den Weg, schob dann und wann mit den Zehen ein Algengeflecht auseinander oder wühlte mit einem langen Stock, den die See wohl angetrieben hatte, darin herum.
Etwa nach einer halben Stunde erfolgloser Suche kam sie an einem langgestreckten Bootssteg an, auf dessen einer Seite eine Reihe unverkennbar teurer Jachten auf dem Wasser schunkelten,
das feine Konterfei bedeckt mit Abdeckplanen gegen Regen und Salzwasserspritzer.
Als ob dies etwas gebracht hätte, denn sobald sich die Besitzer mit ihren Nobelbooten auf der Ostsee befanden, spätestens dann würden sämtliche Außenflächen samt Fenster
und Innenraum mit ebendiesen Salzwasserspritzern übersät sein. Auf der anderen Seite des Steges schaukelten in gemächlicher Eintracht etliche Rohrkolben im seichten Wasser.
Dazwischen tummelte sich eine Schar Eiderenten.
Linda Müller ließ sich auf dem Holzsteg gegenüber der schmucken Pompeselgalerie nieder und tauchte ihre nackten Füße ins kühle Nass. Dabei beugte sie sich stark
nach vorn, um ihre sandigen Hände abzuspülen. In diesem Moment glotzten sie knapp unter der Wasseroberfläche zwei starre Augen an.
Linda Müller stieß einen spitzen Schrei aus, fiel vor Schreck vornüber und landete unversehens auf einem aufgequollenen Bauch, welcher, Sie ahnen es wahrscheinlich, zu Hein Johannsens
stattlicher Figur gehörte. Die Eiderenten flohen entrüstet mit lautem Geschimpfe.
Bevor sie sich versah, rutschte sie auch schon von Hein seinem Bauch dicht neben der Achsel des rechten Armes herunter, woraufhin die fast steifen Gliedmaße sie in herzlicher Umarmung umfingen,
sie dadurch unter Wasser geriet und schließlich mit weit aufgerissenen Mund wieder auftauchte. Da sie ziemlich viel Wasser geschluckt hatte, fiel ihr jetzt ausgestoßener
Schrei eher dürftig aus.
Sie ruderte wild mit den Armen, um aus der Umklammerung zu kommen, brüllte dabei hysterisch, bis sie endlich merkte, dass sie Grund unter den Füßen hatte. Das Wasser war
hier am Ufer gerade mal anderthalb Meter tief.
Zitternd und tropfnass zog sich Linda auf den rettenden Holzsteg. Der erste Gedanke, der ihren Kopf beherrschte war: ‚Mist, meine schöne Hose ist hin.‘ Zerstreut strich sie immer wieder
mit den Händen über die Baumwolle. Dann wurde ihr speiübel, was sie wider Willen auf dem Holzsteg erledigen musste.
Zur Leiche, die sich offensichtlich an den hölzernen Stützen unter Wasser verklemmt hatte, mochte sie gar nicht mehr schauen. Die Hände um die Oberarme geschlungen kauerte sie
bibbernd und schockiert am Boden.
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