Kurzstories

Sternenaugen | Hai-Attacke | Hannes Festessen

Sternenaugen

Frühlingsluft vermischt sich mit dem Dunst des Raumes. Ich bin gerade aus der Dusche gestiegen, klitschnass und struppig. Da klingelt es. Wer kann das denn sein? "Jonas!", rufe ich aus dem Dampf des Badezimmers heraus. Keine Antwort. "Jonas, geh doch bitte mal zur Tür. Es hat geklingelt!" Jonas, mein zehnjähriger Sohn, reagiert nicht. Wahrscheinlich ist er in seine Comics eingetaucht, hört und sieht nichts mehr. Ich seufze, schlage mir das Laken um die Hüften und schlurfe, Wassertropfen versprühend, barfuss quer über das Parkett zur Eingangstür. Ich hoffe, dass es sich nur um den Postboten handelt und nicht wieder um die neugierige Frau Schmidtchen, meine Nachbarin, deren Lieblingsbeschäftigung es ist, Vater und Sohn, alleinstehend, zu beobachten und jede Gelegenheit wahrzunehmen, um sich bei uns einzumischen. Ich öffne die Tür und ... erstarre augenblicklich. Zwei himmelblaue Augen, umrahmt von goldblonden Wellen, wandern von meinem feuchten Gesicht, zu meinem nackten behaarten Oberkörper, um dann fluchtartig über das Handtuch, zu den Füßen, Schuhgröße achtundvierzig, zurück in mein Gesicht zu gelangen. Ein Räuspern, ein sanftes Erröten. "Herr Petrik?" Ich ziehe das Handtuch enger um die Hüften. Meine Wangen glühen vor Verlegenheit. "Ja bitte?" Sie sieht mich nicht direkt an, sondern fixiert das Namensschild an der Tür. "Mein Name ist Siv Elkon. Ich komme von der Agentur für Familienhilfen. Sie hatten um eine Hausaufgabenhilfe für ein Kind ersucht. Ich wollte mich bei Ihnen vorstellen." "Äh, ... ach so, ja stimmt ja, .. kommen Sie doch herein. Ich .. ich muss mir nur etwas Kurzes ... äh... kurz etwas überziehen." Verfluchte Verlegenheit. Was stotterst du da zurecht? Ihre Mundwinkel zucken verdächtig. Sie tritt auf Abstand bedacht in den Flur. Ich folge ihr hurtig, dabei rutsche ich auf dem feuchten Boden weg, wodurch mein knappes Badelaken fast das Weite sucht. Krampfhaft drücke ich es an den Körper, gelange gerade noch in die Senkrechte, pralle dabei hart gegen die Ecke des Telefontischchens, die mir wiederum schmerzhaft in den Oberschenkel sticht. Mit Müh und Not verkneife ich mir ein Aufstöhnen und weise ihr mit zusammengebissenen Zähnen den Weg. "Bitte nehmen Sie doch im Wohnzimmer Platz. Ich bin gleich wieder da." Rückwärts stolpernd, die Hände im Handtuch verkrallt, verlasse ich den Raum und husche ins Kinderzimmer. "Jonas!" Mein Sohn hebt versonnen den Kopf. "Hm?" Natürlich, Walt Disney und Co. haben seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Noch ganz im Mickey Maus Trance richtet er sich vom Fußboden aus einem Berg von Comic-Heften auf. "Schnell, die Tageshilfe ist da. Setz dich zu ihr, sag höflich guten Tag und rede mit ihr. Ich muss mich noch anziehen." Er sieht an mir herunter. "Hast du ihr etwa soo die Tür aufgemacht?" "Ja, wenn du es genau wissen willst!" "Das Handtuch sieht zum Piepen aus", grinst er und zeigt auf den Entenschnabel, der kopflos aus einer Falte des Badetuches herauslugt. Ich habe doch tatsächlich das Kinderlaken meines Sohnes erwischt. Mein Gott, wie peinlich! "Los geh zu ihr. Mach einen guten Eindruck. Du weißt, wie dringend wir jemanden brauchen", lenke ich ab. Er grinst verschmitzt. "Ja, einer von uns muss ja einen guten Eindruck machen." Ich ignoriere seine Unverfrorenheit, muss mich beeilen. Aus dem Kleiderschrank fällt mir ein Berg ungebügelter T-Shirts entgegen. Zum Glück hängt dort noch ein sauberes Oberhemd, man könnte es fast glatt nennen. Dazu eine schwarze Jeans und rein in die dunklen Leinenschuhe aus dem Ausverkauf. Wie lange habe ich gebraucht? Wo ist meine Uhr nun wieder. Ich renne hin und her, bis ich sie im Bad in der Seifenschale finde. Die Seife liegt dafür unter dem Wasserkasten der Toilette. Habe ich dieses Chaos angerichtet? Keine Ahnung. Ein weiterer Blick in den Spiegel. Oh Schreck, mein Haar! Schnell mit dem Fön einigermaßen trocknen. Ja, so geht es! Ich strecke mich und versuche meiner Körperhaltung einen selbstbewussten Touch zu geben. So trete ich ins Wohnzimmer. Mein Junior sitzt der Tagesdame aufmerksam gegenüber. Zwischen ihnen liegt eine Tüte Kekse. Was für eine gute Idee, sie damit zu beschäftigen. Ich bin stolz auf Jonas. Sie spricht lächelnd mit ihm und blickt auf, als ich hereinkomme. Wieder dieses Strahlen in den Augen. "Da bist du ja endlich!", ruft Jonas erlöst aus. "Wir haben schon fast alles aufgegessen." Ihr Lächeln trifft mich! Mein Herz fängt heftig an zu klopfen. "Es tut mir leid, dass Sie warten mussten", beginne ich mich zu entschuldigen. Eigentlich könnte ich mich dafür ohrfeigen, dass sie mich so durcheinander bringt. Schließlich hat die Agentur ihren Besuch nicht einmal angekündigt. "Ist nicht schlimm", erwidert sie gelassen. "Ich war ja auch nicht angemeldet." Kann sie Gedanken lesen? Bleib bei Sinnen, Junge! "Darf... darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten? Etwas Kaltes oder Kaffee oder...?" Ich suche in Gedanken meine Vorräte ab. "Ein Tee wäre nach den vielen Keksen nicht schlecht!", meint sie hilfreich. "Natürlich nur, wenn Sie einen haben." "Einen Tee! Klar! Ich setze sofort Wasser auf, Fräulein ...", ich Trottel, jetzt habe ich auch noch den Namen vergessen, "...wie war Ihr Name noch?" "Siv Elkon!" Klingt irgendwie nordisch, passt zu ihren blonden Locken, fährt es mir durch den Kopf. Wo habe ich denn bloß den Tee hingelegt? "Also wie gesagt, ich mache uns einen Tee. Jonas, schütte bitte die restlichen Kekse in eine Schale." Wo ist dieser verdammte Tee? "Es sind nur noch drei drin, Papa. Das lohnt sich gar nicht." Auch das noch, mein Geld ist sowieso knapp, aber wir müssen ihr etwas anbieten. Die Teebeutel finde ich in einer alten Keksdose. "Jonas", flüstere ich, während ich das Wasser aufgieße. "Geh in den Supermarkt und hole eine Tüte Waffeln aus dem Angebot." Mein Sprössling rennt los. Ich stelle die Teekanne auf den kleinen Couchtisch und setze mich. "Jonas ist einen Moment beschäftigt. Ich wollte ganz gern erst allein mit Ihnen reden. Wir brauchen Ihre Hilfe nachmittags bei den Hausaufgaben. Er ist in Mathematik sehr stark abgesackt." Blaue Sternenaugen blitzen auf. Mir wird ganz anders. "Ich werde mein Bestes tun, um ihn zu motivieren, Herr Petrik. Ab wann, hatten Sie gedacht, soll ich denn herkommen?" Sie schiebt eine vorwitzige Locke aus dem Gesicht und wickelt sie sich um den Finger. Das bringt mich völlig aus dem Konzept. Ich fixiere die Teekanne, um wieder klar zu werden. "Ja, wenn Sie täglich ab 13 Uhr könnten, das wäre schon schön. Dann kommt er nämlich nach Hause und... ." Sie lächelt. Sie hat wunderschöne volle Lippen! "Und braucht etwas zu essen?", ergänzt sie hilfreich. "In Ordnung, ich bin rechtzeitig da. Er bekommt Mittag und Nachhilfe." Wie unkompliziert sie ist. Bleibt nur noch die Bezahlung. "Wie lange könnten Sie bleiben?" Sie zuckt mit den Achseln. "Ich habe zur Zeit keinen Job und bin daher ungebunden." Ungebunden! Was für ein Zauberwort, schießt es mir durch den Kopf. Kein Job, hört sich allerdings nach höheren Ausgaben für mich an. Wie hoch muss ich ihr Honorar ansetzen, damit sie annimmt? In diesem Moment klingelt es Sturm. Ich springe auf. "Oh, dieser Junge!" Sie lacht. Gut gelaunt reiße ich die Tür auf und ....... pralle zurück. Der unsympathische Inhaber unseres Supermarktes, schräg gegenüber, funkelt mich mit wütenden Augen an. Eine Hand umklammert das Handgelenk meines Sohnes, in der anderen schwenkt er triumphierend eine Schachtel Waffeln. Ein unendlicher Redeschwall ergießt sich über mich. Als er gezwungenermaßen Luft holen muss, um nicht an seinem eigenen Atem zu ersticken, komme ich endlich zu Wort. "Was ist passiert?" "Bestohlen hat mich ihr missratener Sohn, übel bestohlen! Kaum dreht man ihm den Rücken zu, räumt er die Regale leer. Na ja, aber kein Wunder bei solchen Familienverhältnissen. Keine Ahnung von Erziehung, aber ein Kind aufziehen wollen. Am besten, ich hole das Jugendamt, damit das Kind aus diesem Umkreis verschwindet. Die wissen, was man mit diesen Rotznasen machen muss!" Ich schnappe nach Luft, um ihm etwas Passendes zu entgegnen. Vor allem aber soll er Jonas loslassen, der sich heulend in dem festen Griff windet. Plötzlich steht Siv neben mir. Irgendwie kommt sie mir verändert vor. Ein fester Blick trifft den Dicken. "Lassen Sie das Kind los!" Ich bemerke verwundert, wie er in sich hineinschrumpft. "Sofort!" Die feisten Finger lösen sich von Jonas. Zitternd flüchtet er in meine Arme. Der Dickbauch strafft sich. "Wer sind Sie denn?", fragt er giftig. "Ich bin vom Jugendamt", behauptet sie. Mir fällt die Kinnlade herunter. Vom Jugendamt? Haben die denn überall ihre Spitzel? Warum hat sie das nicht gleich gesagt? Jetzt wollen sie mir doch noch mein Kind wegnehmen. Siv Elkon beugt sich zu Jonas hinunter. "Erzähl mal, was passiert ist. Hast du die Kekse genommen, ohne zu bezahlen oder hast du es nur vergessen?" "Nein, ich ... ich hatte kein Geld mehr. Ein paar größere Jungen haben mir unten aufgelauert und gesagt, wenn ich ihnen nicht gleich alles Geld gebe, dann verprügeln sie mich. Ich musste es ihnen geben." Ich bin verärgert über meinen Sprössling. "Warum bist du denn nicht wieder zurückgekommen?" "Du hast doch gesagt, dass wir die Dame auf jeden Fall kriegen müssen. Ich wollte nicht, dass sie wieder weggeht." Siv Elkon schiebt die Brille auf der Nase hoch und versichert Mr. Supermarkt, dass der Jonas jetzt in guten Händen sei. Bei mir schellen Warnglocken im Kopf. Sie sagt irgend etwas von einem Paragraphen aus dem Jugendschutzgesetz. Mir fällt die Geschichte vom Wolf im Schafspelz ein. Wie eine Geißenvater presse ich Jonas an mich. Siv kramt etwas Geld aus ihrer Jackentasche, drückt es dem Typen in die Hand und schnappt sich die Waffeln. Ich bin sprachlos. "Und keine Anzeige!", ruft sie ihm nach, während er schnaufend die Treppe hinunterstampft. Ich schicke Jonas in sein Zimmer, als wir wieder in der Wohnung sind. "Sie sind also vom Jugendamt?", knurre ich Siv leise an. "Feine Masche, mir den Sohn wegnehmen zu wollen." Irritiert runzelt sie die Stirn. "Was? Warum sollte ich Ihnen Jonas wegnehmen?" Sie nimmt die dunkelumrandete Brille ab. "Hier, Ihre Brille." "Das ist meine Brille!", stelle ich überflüssigerweise fest. Sie löst das Band aus ihrem Haarzopf. "Richtig!" Deshalb kam sie mir so verändert vor. "Wieso haben Sie meine Brille aufgesetzt?" "Es hat doch gewirkt. So hat mir der Dicke auf jeden Fall abgenommen, dass ich vom Jugendamt bin." "Sie hätten ihm doch nur Ihren Ausweis zeigen brauchen?", herrsche ich sie an. Sie lacht hell auf. "Oh nein! Sie glauben tatsächlich, dass ich vom Jugendamt komme? Das habe ich doch nur gesagt, um den Mann zu vertreiben. Sie sind mir vielleicht einer. So gutgläubig." Ich könnte vor Scham in den Boden versinken. Sie muss mich für einen absoluten Dummkopf halten. Ich wundere mich, dass sie noch hier ist und nicht schon das Weite gesucht hat. Lachend lässt sie sich in den Sessel fallen. "Jetzt brauche aber dringend noch einen Tee!" Ein herzlicher Blick aus den Sternenaugen sagt:
Wir sind Verbündete!

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Hai-Attacke

"Kommen Sie, kommen Sie, Senorita!" Der Matrose hielt mir auffordernd die Hand entgegen, um mir über den Zwischenraum des hölzernen Anlegers und des auf und ab schaukelnden Motorbootes zu helfen. Es war klein, für meinen Geschmack eigentlich viel zu klein. Gerade groß genug, um etwa zehn Personen auf Bänken Platz zu bieten, die an den Seiten angebracht waren. Die blutrote halboffene Kajüte mit dem Steuerrad leuchtete mir entgegen, als ich mich zu einem riesigen Schritt über die Reling zwang. Hätte mir der galante Seemann nicht einen Schubs zur Seite verpasst, während er mich zog, wäre ich mit der Stirn gegen die Wand des Aufbaus gestoßen. So stolperte ich eine Stufe hinunter und stieß mir das Knie an einem dicken Pfosten, der, warum auch immer, auf die Holzplanken geschraubt war. Froh, nicht ins Hafenbecken gestürzt zu sein, ließ ich mich zitternd neben der alten Dame nieder, die mich mit hochgezogenen Augenbrauen musterte. Ich kannte sie bereits aus meinem Hotel. Sie war es gewesen, die mich zu dieser Ausflugsfahrt mit dem Boot überredet hatte. "Sie müssen was erleben! Warum sonst sind Sie auf diese Insel geflogen?" Schuldbewusst war ich ihr gefolgt. Eigentlich war mir nämlich mehr zum Faulenzen zumute, doch ihre resolute Art duldete keinen Widerspruch. Und so hatte sie mich in den vergangenen Tagen bereits auf den höchsten Berg Mallorcas geschleppt, über Serpentinen, durch einsame Dörfer und in Buchten. Ja, Madame Brenteaux kannte sich aus. Sie kam seit zwanzig Jahren hierher. Eigentlich war sie sehr nett, doch in diesem Moment verfluchte ich sie, aber vor allem meine Nachgiebigkeit. In meinem Magen rumorte der Kaffee vom Frühstück, als wiederum eine Welle mit voller Breitseite gegen das Schiffchen krachte. Ich schluckte. Zum Glück tuckerte das Motorboot los. Das Schaukeln ließ ein wenig nach und ich stieß erst einmal die Luft aus. "Ja, das ist richtig. Atmen sie schön durch, dann geht es Ihnen gleich viel besser!", meinte Madame. Sie schenkte mir ein gütiges Lächeln und tätschelte meine Hand. "Na, seetüchtig sind Sie ja nicht gerade." "Richtig, ich meide Wasser so gut es geht. Ich kann nicht einmal schwimmen!" Mein Blick wanderte besorgt über die nicht unerheblichen Wellen. "Keine Sorge, an Bord sind Rettungsinsel und Schwimmreifen." Das beruhigte mich allerdings auch nicht besonders. "Aber sehen Sie!", rief sie fasziniert aus. "Der Anblick des Hafens und der Schimmer, der auf allem liegt. Wie hübsch!" Ich folgte ihrer Geste zur Insel und in der Tat war es wunderschön aus dieser Entfernung zurückzublicken. Langsam versöhnte ich mich etwas mit der Lage, in der ich mich befand und entspannte mich so gut es auf den harten Holzbänken möglich war. Madame erzählte von der Pfirsichblüte, von den spanischen Eroberern und vielem mehr. Ihre Stimme und das Rauschen des Meeres lullten mich ein. Wie in einer Wiege genoss ich die Bewegungen des Bootes, sog den mit Benzin gemischten Salzgeruch durch die Nase und wäre fast eingenickt. "Oh, ein spanischer Fischtrawler!" Ich fuhr benebelt zusammen bei dem Ausruf von Madame. Die anderen Passagiere erhoben sich fast gleichzeitig. Wild durcheinanderredend versuchte jeder einen guten Platz zu ergattern, um den Trawler vor die Kameralinse zu bekommen. Ich ärgerte mich, meinen Fotoapparat nicht eingepackt zu haben, stand aber ebenfalls auf, um besser sehen zu können. Der große Fischdampfer kam uns auf direkten Weg entgegen. Ziemlich schnell, wie ich fand. "Die Illa del Sol!", erklärte Madame fachmännisch. "Vielleicht dürfen wir ja an Deck und sie uns ansehen. Es soll ein wunderbares Schiff sein mit der neuesten Technik an Bord. Ich frage mal den Kapitano." Und schon war sie mit ihrem Wanderstock in der Kajüte, redete auf unseren Bootsführer ein, bis dieser achselzuckend das Funkgerät in die Hand nahm. Kurz darauf verlangsamte die Illa del Sol ihre Fahrt und warf Anker. Unser Kahn legte an der Seite an. Die See kam mir aufgewühlter vor als bei unserer Abfahrt. Meine Mitreisenden drängten sich zur Jakobsleiter des Trawlers. Erst jetzt wurde mir bewusst, was man von mir verlangen würde. Madame war bereits als erste hinauf geklettert. Mir brach der Schweiß aus. Doch ich kam gar nicht zur Besinnung. Die beiden Seeleute unseres Bootes packten meine Arme und schoben mich die Holzbalken hoch. Frecherweise mit den Händen an meinem Gesäß. Ich konnte mich nicht wehren, da ich krampfhaft die Taue der Leiter umklammerte. Stufe um Stufe zog ich mich an der instabilen Trittleiter empor. Plötzlich gellte ein lauter Schrei durch die Luft. Er ging mir durch Mark und Bein. "Hai! Hai!" Aufgeregtes Durcheinander an Bord des Trawlers. Ich hing immer noch in der Mitte der Leiter, als die Hände des Bootsmannes mein Hinterteil losließen. Fast wäre ich abrutscht, hangelte aber in letzter Sekunde mit meinen Füßen nach den Tritten und knallte unsanft gegen die Bordwand, denn auch über meinem Kopf waren die Matrosen für einen Moment abgelenkt gewesen. Panisch erkannte ich, dass sie mir nicht weiter hoch helfen würden, denn sie waren verschwunden. Unter mir griffen die beiden Seeleute hektisch zu Stangen. Und dann sah ich ihn. Vielmehr sah ich zuerst nur eine gewaltige Rückenflosse, dann zwei, drei und vier Schatten dicht unter der Meeresoberfläche und ebenso viele steil hochstehende Haiflossen. Sie umkreisten den Trawler und das kleinere Boot. Mir schlotterten die Knie. Ich konnte mich kaum noch halten. Die Gischt spritzte zwischen den Booten an der glatten Wand empor. Ein Schwall salzigen Wassers durchweichte meine Jeans. "Hilfe!! Holt mich hoch!", kreischte ich verzweifelt, während mir die Tränen vor Panik aus den Augen schossen. "Ich kann mich nicht halten!" "Los, los, helfen Sie ihr doch!", ertönte die energische Stimme von Madame Brenteaux über mir. "Verdammte Kerle! Kommt ihr wohl sofort her!" Ich sah nach oben. Sie fuchtelte wild mit ihrem Stock herum. Auf dem Deck schien jedermann in Bewegung zu sein. Unzählige Füße trappelten auf den Planken herum, doch niemand kümmerte sich um Madames Aufforderungen. Ich warf einen Blick auf das Motorboot unter mir, während mir zähneklappernd die Tränen an den Wangen herunter liefen. Mir stockte der Atem. Zwei Haie schwammen ganz dicht an das Boot heran und stießen mit voller Wucht gegen die Außenwand. Die Seeleute taumelten, gingen jedoch nicht über Bord. "Hilfe!", schluchzte ich vor mir hin. "Hier, halten Sie sich fest!" Madame hielt mir ihren Stock hin. Ich wusste nicht, ob ich vor Rührung lachen oder weinen sollte. Ich klammerte mich noch fester an die Taue, in dem ich meinen Arm darin verwickelte. "Sie können mich doch gar nicht halten", versuchte ich ihr zuzurufen. In diesem Moment griffen zwei kräftige Arme nach dem Fallreff und zogen mich mit samt der Leiter in die Höhe. Kaum am Rande der Reling angekommen, packte mich eine große Pranke, um meinen zitternden Körper wie eine Feder auf das nasse Deck zu befördern. Ich hatte keine Zeit, dem riesigen Fischer zu danken, denn ein weiterer Warnruf ertönte und er eilte davon. "Kappt die Verbindung zum Motorboot!", brüllte jemand. Ein Ruck ging durch den Dampfer. Ich richtete mich von meiner feuchten fischriechenden Unterlage auf und schielte über die Bordkante. Der Motor unseres Ausflugsbootes heulte auf. Die Bootsleute machten sich aus dem Staub. Die Seemänner der Illa del Sol ließen die Netze in die inzwischen aufgewühlte See herunter. Der Trawler umkreiste nun die Gruppe Haie. "Es sind die Schläfer", brummte jemand neben mir. Es war der riesige Matrose, der mich gerettet hatte. Er lehnte lässig an der Reling und fixierte die Netze. "Sie leben dicht auf dem Meeresgrund in Tiefen von 200 Metern und schwimmen fast nie nach oben. Eigenartig, dass plötzlich so viele an die Oberfläche kommen." "Vielleicht hat sie irgendetwas gestört", warf ich zaghaft und immer noch zitternd ein. "Möglich, doch was könnte in dieser Region in solch einer Tiefe die Haie aufschrecken? Die Urlauber tauchen nicht so tief. Vielleicht ein unterirdisches Beben." "Kommt so etwas hier denn vor?" Ich war sehr erstaunt. "Unterwasserbeben sind nicht so selten, Senorita. Und doch wundert mich eher die Menge der Haie, die uns in der letzten Woche ins Netz gegangen ist. Jeder einzelne Hai war mindestens vier Meter lang. Man könnte fast an eine Invasion der Haie denken. Oder eine Zusammenkunft der Raubfische." Ich musste unwillkürlich schmunzeln. Dieser Bär von einem Mann philosophierte allen Ernstes über das absichtliche Erscheinen von diesen Meerestieren in Gruppen, eine Zusammenkunft, ein Treffen von Haien? Ich schüttelte den Kopf. Ich beschloss, das Thema zu wechseln. "Ich ... wollte mich noch bei Ihnen für Ihre Hilfe bedanken. Ich hätte mich nicht mehr lange fest halten könnten. Danke für die Rettung!" Er sah mich eine Weile schweigend aus dunklen Augen an, die buschigen Augenbrauen ein wenig gekräuselt. Dann fuhr er sich verlegen durch das nasse, vom Wind zerzauste, Haar. "Wir müssen uns entschuldigen, Senorita. Meine Kumpels hätten Sie gar nicht allein lassen dürfen. Ich sah Sie vom Vorderdeck aus, bahnte mir, so schnell es ging einen Weg nach hinten zu Ihnen. Die Haie haben alle Leute durcheinander gebracht. Aber das liegt daran, dass vor einigen Tagen einer unserer Seeleute beim Einziehen der Netze von einer der Bestien ins Wasser gezogen wurde. Wir haben nichts mehr von ihm gefunden." "Oh, .. wie schrecklich! Das tut mir sehr leid!" "Seitdem herrscht eine fürchterliche Aufregung an Bord, sobald ein Hai gesichtet wird. Eine richtige Kampfstimmung!" "Das kann ich mir vorstellen." "Normalerweise greifen diese Haie keine Menschen an. Ihr Verhalten ist so gegen alle Erfahrungen, die wir gemacht haben. Ah, sehen Sie, die Jungs holen die Netze ein!" Er wies mit der Hand auf eine Gruppe von Matrosen, die soeben ein großes Netz kraftvoll über die Kante des Schiffes hievten. Ich sah mich nach unserer Touristengruppe um. Die meisten hatten sich irgendwo an Deck niedergelassen und verfolgten das Schauspiel. Mein Gesprächspartner packte inzwischen ebenfalls mit an. Madame stand in der Nähe der Seeleute und beobachtete das ganze Geschehen, wie ein General seine Truppe. Der Hai lebte noch. Er schlug wild um sich und schnappte in alle Richtungen. Die Fischer versuchten ihm auszuweichen, doch ein jüngerer glitt aus und rutschte dicht an das Maul des Riesenfisches. Mir blieb fast das Herz stehen. In diesem Moment machte Madame Brenteaux einen Schritt nach vorn, hob ihren Gehstock und schlug dem Hai mit aller Kraft auf das Maul. Schnell gab einer der Fischer einen zweiten Hieb mit einer Metallstange dazu. Daraufhin regte sich das Ungetüm nicht mehr. Die Seeleute des Trawlers ließen Madame hochleben und der Gerettete küsste ihr die Hand. Sie gab sich etwas geziert, drehte sich aber kurz danach um und zwinkerte mir zu. Dann tippelte sie auf dem schwankenden Schiff zu mir herüber und setzte sich auf ein großes Fass. "Welch ein Abenteuer! Na, ist Ihnen die Seekrankheit vergangen?", fragte sie mich leutselig. "Oh! Daran habe ich gar nicht mehr gedacht!" Ich wunderte mich über mich selbst. Mir war weder schlecht, noch verspürte ich Angst. Der stabile Trawler gab mir ein Gefühl von Sicherheit. Zudem kam in diesem Moment erneut mein Seemann auf mich zu. Die dunklen Augen blitzten erfreut. "Drei haben wir heute erwischt, gestern vier und am Anfang der Woche drei. Das wird gutes Geld auf dem Fischmarkt in Palma geben. Der Fang in dieser Woche hat sich gelohnt. Jedes Tier wiegt fast 300 Kilo. Sie verkaufen es dort in Scheiben für etwas mehr als einen Euro pro Kilo." "Donnerwetter! Und wie schmeckt Haifleisch?" Meine Neugier war erwacht.. "Sehr delikat, würden die Restaurants es bezeichnen!" Er grinste breit. Seine schneeweißen Zähne wiesen eine Lücke auf, ich fand ihn trotzdem schön. "Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich Sie zu einem Haifischsteak einlade? Ich kenne ein gutes Restaurant in meinem Heimatort", fragte er schüchtern. "Na ja, um ehrlich zu sein, meine Mama macht dort die besten." "Natürlich hat sie nichts dagegen. Sie kann doch Ihre Mama nicht beleidigen", antwortete Madame wie aus der Pistole geschossen für mich. Ich schnappte zwar nach Luft über ihre Unverschämtheit, doch dann nickte ich. Er strahlte mich an. "Na dann, bis heute Abend! Wo wohnen Sie?" Ich gab ihm meinen Namen und die Adresse. "Ich hole Sie vom Hotel ab!" Dann wandte er sich an Madame Brenteaux. "Wenn Sie uns auch begleiten möchten...?" "Ich? Nein, nein, nein, ich esse im Hotel! Vielen Dank! Die Senorita ist Begleitung genug für Sie!" Er nickte ihr lächelnd zu. Dann wandte er sich um. Zurück blieb ein Männerduft aus After Shave, Fisch und Salz. Ein Geruch, der mir in höchster Lebensgefahr begegnet war und den ich bestimmt nicht mehr missen wollte.

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Hannes Festessen

Der Mond schickt seine hellen Strahlen durch das Glas der Haustür direkt in das Schlafkörbchen. Hannes blinzelt verschlafen und versucht eine gemütlichere Stellung einzunehmen. Aber da er jetzt aufgewacht ist, will sich kein Schlaf mehr einstellen. Träge erhebt er sich und stapft auf dem glattgefliesten Fußboden zu seinem Wassernapf. Wie war es doch aufregend gewesen, gestern Abend. Frauchen ist andauernd hin und her gelaufen. Das große Herrchen hatte ihn energisch aus der warmen Stube verbannt, und die beiden kleinen Herrchen tollten schlimmer als an anderen Tagen in ihrer Hütte herum. Dann kam auch noch der alte Mensch zu Besuch. Hannes mochte ihn und seine beruhigende Stimme. Außerdem roch er so gut nach Braten und brachte immer ein Leckerli mit, das er dann aus seiner Hosentasche zog. Plötzlich war Trubel angesagt. Hannes raste zwischen Menschenbeinen ins Wohnzimmer und konnte gerade noch bremsen. Mitten im Zimmer wuchs plötzlich ein riesiger Baum und der duftete so schön. Am liebsten hätte er ihn gleich markiert, aber Herrchen riss am Halsband und bugsierte Hannes neben das Sofa. "Da bleibst du!" Seine Stimme duldete keinen Ungehorsam. Aus seiner Ecke hatte er nicht viel mitgekriegt. Es hatte geknistert und geraschelt und gerochen. Mhm, Hannes läuft jetzt immer noch der Speichel zusammen. Jetzt schlafen ja alle. Zeit für eine Erkundungstour im Wohnzimmer. Die Tür ist verschlossen, aber Hannes weiß, wie er sie öffnen kann. Er lehnt sich mit seinem ganzen Gewicht dagegen und schon springt das ausgeleierte Schnappschloss auf. Die feuchte Hundenase schnüffelt am Boden entlang. Dann steht er vor dem Baum. Im Mondlicht glitzern Sterne und Kugeln. Ein feiner Schokoladengeruch gemischt mit Baumharz kriecht verführerisch in Hannes Nasenlöcher. Er fährt vorsichtig mit der Zunge über einen Lebkuchenkringel. Der ist es nicht. Neugierig schnuppert er weiter. Auf dem Boden stehen mehrere Weihnachtsteller mit bunten Dingen darauf. Donnerwetter, so etwas hat er noch nie gesehen. Er wühlt mit der Schnauze zwischen den Sachen herum. Lecker, wie sie schmecken. Ein kleiner Weihnachtsmann fällt auseinander. Hannes schnappt ihn sich. Aber er zerbröselt unter seinen starken Zähnen. Vorsichtig leckt er die Schokoladenbrösel auf. Dabei bekommt aber auch das schimmernde Papier zwischen die Zähne. Igitt, was ist das denn für ein Zeug? Angewidert von dem metallischen Geschmack spuckt er es aus. Er schüttelt sich. Seine Zähne fühlen sich fürchterlich an. Er muss etwas anderes fressen oder trinken. In diesen Moment sieht er ihn: den riesigen Weihnachtsmann! Er steht kerzengerade auf dem Wohnzimmertisch und schaut ihn aus schwarzen Augen an. Zuerst kneift Hannes den Schwanz ein. Aber als er merkt, dass sich der Mann nicht regt, schleicht er neugierig näher. Seine Nase schiebt sich auf den Holztisch. Der Weihnachtsmann rührt sich nicht. Wie dumm! Er könnte ihn ja wenigstens begrüßen, wenn er schon nicht spielen will. Na gut, dann mache Hannes eben den ersten Schritt. Er springt mit den Vorderpfoten auf den Tisch, erwischt den Schokoladenmann, stößt aber auch eine offene Flasche Wein um. Eine rote Flüssigkeit beginnt auf den Teppich zu tropfen. Hannes ist völlig verwirrt. Seine Beute liegt zerbrochen am Boden. Aus der Alufolie ragen langen Schokostifte heraus. Er schaut von der auslaufenden Weinflasche zum Weihnachtsmann und zurück. Oh, Frauchen! Sie wird ganz bestimmt schimpfen. Er muss das beseitigen. Eifrig leckt er die Weinlache auf. Dann beginnt er, fein säuberlich mit Pfoten und Zähnen, die Schokolade auszupacken. Genüsslich verschlingt er den kompletten Weihnachtsmann. In seinem Magen kullert es. Außerdem ist ihm schwindlig. Mühsam kriecht er zu seinem Körbchen. Wieso tut bloß der Kopf so weh? Ein Schrei lässt ihn zusammenfahren. Erschreckt hebt er den pochenden Kopf und landet in einem stacheligen Etwas. Er will dem entfliehen, aber seine Beine wollen nicht gehorchen. Er merkt, dass er gar nicht in seinem Körbchen liegt, sondern unter dem großen Tannenbaum. Frauchen steht in der Wohnzimmertür "Hannes! Du verrückter Hund! Was hast du hier denn angerichtet?" Hannes versucht mühsam, die Augen offen zu behalten. Ihm ist so übel. Sein Magen rumpelt. Nun kommt auch noch das große Herrchen. Frauchens Stimme wird schrill. "Sieh dir das an. Er hat die ganze Schokolade gefressen und überall die Verpackung zerstreut. Alle Weihnachtsmänner, alle Süßigkeiten. Böser Hund!", schimpft Frauchen weiter. "Oh Gott, der Wein. Er hat auch den restlichen Wein getrunken. Und sieh seine Zähne an, überall ist Alufolie dazwischen wie bei Frankenstein." In Herrchens Gesicht zuckt es. "Komm, du Lümmel!" Er schleift Hannes am Halsband hinaus vor die Haustür. Draußen lacht er schallend und pickt ihm mit den Fingerspitzen die Metallfolie aus dem Maul. "Dir geht es schlecht, was? Selbst schuld! Was bist du so gierig. Aber glaube mir, auch Menschen essen und trinken oft zu viel. Jetzt weißt du, wie es uns geht. Frische Luft tut auf jeden Fall gut." Er stellt ihm seinen Trinknapf nach draußen, streichelt ihm noch einmal den Schopf und schließt die Haustür hinter sich. Hannes liegt schlapp auf der Fußmatte. Er ist Herrchen unglaublich dankbar. Dafür, dass seine Zähne frei sind, aber besonders dafür, dass er hier draußen liegen darf, in Ruhe. Die haben seine Kopfschmerzen nötig.
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